Es war zur Zeit des Sendestarts kein Novum, aber schon ein paar Jahre später, zur Zeit der Einstellung der Sendung war es das letzte verbliebene Autorenprogramm, das vollkommen frei und unabhängig gestaltet werden durfte – zumindest im Privathörfunk.
Sonntag für Sonntag ging ich mit einer Kiste CD’s ins Sendestudio und durfte senden, was ich wollte: ein Alternative-Programm für Musikfreunde ohne Scheuklappen und für Menschen, die einem Interview auch länger folgen konnten, als 1:30 min.

roehrenradio-AufkleberDas sprach sich in der „Szene“ schnell rum. Es gab in Mecklenburg-Vorpommern tatsächlich viele Menschen, die sich sonntags trafen, um Röhrenradio zu hören.
Die Tankhaus-Crew in Stavenhagen hatte die Idee, einen Aufkleber zu entwerfen, der jene Menschen warnen sollte, die sich schwer damit taten, daß es auch noch andere Musik neben DJ Bobo und Tina Turner gab.

Vermutlich war ich der erste deutsche Radio-DJ, der die erste Rammstein-Single in einem kommerziell relevanten Programm gesendet hat. Seltsam war, daß mich das Label „Motor“ nicht bemustert hatte, so wie es sonst üblich war. Stattdessen bekam ich die Single von der Band zugespielt (durch die Schwester des Sängers, die seinerzeit bei uns als Redaktionsassistenz gearbeitet hat).
Ich habe bei Mediacontrol und GEMA nachgefragt, allerdings ohne Ergebnis. Möglich ist es aber, da bereits 1995 kaum ein Radio-DJ noch sein eigenes Programm machen durfte und in fast sämtlichen deutschen Redaktionsstuben galt Rammstein als böse, also rechtsradikal (kam ja aus dem Osten und haben das R gerollt = Neonazi). Die Westjournalisten überschlugen sich gegenseitig hanebüchen und strunzdumm, während damals bereits die Konzertsäle sowohl in Ost als auch in West die „neue deutsche Härte“ feierten. Ganz ohne Hitler.

Ich war mit Sicherheit der einzige deutsche Radio-DJ, der regelmäßig die ekligen und saukomischen Lieder von Vicki Vomit gesendet hat („Schmeiß doch nicht immer den Tampon vom Balkon“, „Doris Klitoris“ usw.)

Und mich würde interessieren, ob außer mir noch jemand die Single „Drecksau“ von Zmirnoff so oft im Radio gespielt hat.

Natürlich war das Röhrenradio kein Klamaukladen mit Metallanteil, sondern eine von den Plattenfirmen und Hörern sehr geliebte Radiosendung, die ohne hochkulturellen Alternative-Pathos auskam, in der auch mal eine ganze CD (The Police, „Live in Atlanta“) ohne Gelaber gespielt wurde und in der auch „Nachwuchskünstler“ wie Nina Hagen, Heinz-Rudolf Kunze oder Udo Lindenberg ihre (damals von den gleichförmigen Rundfunkspießern gemiedenen) neuen CD’s vorstellen durften.

Und selbstredend war das Röhrenradio die einzige Plattform für echte Nachwuchskünstler in Mecklenburg-Vorpommern.
Artikel Roehrenradio

Ende 1998 kam das Aus für das Röhrenradio. Der Programmdirektor Horst Müller, der sich bis dahin immer für die Sendung stark gemacht hatte, verließ den Sender und hineingeritten kamen die Berater. Ein West-Berliner Radiomann hatte ein paar schlaue Sprüche gelernt und mit kompromißlosem Gedudel den Sender rs2 „erfolgreich“ gemacht. Das wollten die Gesellschafter von Antenne MV auch. Also gabs ab sofort rund um die Uhr „Superhits“ bis zum Erbrechen. Das sah die Hörerschaft genauso. Nach der Plattmachung des erfolgreichen, weil kantigen, Antenne MV – Programms ging die Erfolgskurve mit den „Superhits“ nur ganz kurz steil nach oben. Schon nach wenigen Monaten bemerkten die Hörer, dass sie verarscht wurden und bald sank die Bereitschaft, sich die langweiligsten Hits anzuhören – bis der Sender um 2008 rum völlig am Boden war und sich bis heute nicht erholt hat.

Bis heute wird von Fachleuten gerne behauptet, ich wäre, wie oben beschrieben, tatsächlich mit einer Kiste CD’s und ein paar verrückten Gedanken ins Sendestudio gelatscht und hätte wild irgendwas in die CD-Player geworfen. Schon damals wollte mir kaum jemand glauben, daß die Sendung einem kommerziellen Prinzip folgte, aber eben zugeschnitten auf die Alternative-Zielgruppe.
Vermutlich hat sich bis heute niemand gefragt, wie ich es geschafft habe, am Sonntagabend, zur schlechtesten Hörzeit ever, bis zu 50.000 Hörer vor dem Radio zu versammeln (MA Hörfunk), weit mehr als doppelt so viele Hörer als an allen anderen Tagen der Woche zur gleichen Zeit – und das mit „schräger“ Musik… und jetzt kommts: und das in einem schwach besiedelten Land wie Mecklenburg-Vorpommern! Was wäre das für eine Quote gewesen in Hamburg oder Berlin?!

Vor einigen Jahren, so ca. 2006, haben wir mit dem damals aktiven Musikkraftwerk e.V. ein Hör-Feature hergestellt: eine O-Ton-Collage mit Interviewsplittern. Zu Wort kommen Zeitzeugen, in ihren seinerzeitigen Funktionen:
– Falk Schettler, Autor und Moderator
– Horst Müller, Programmdirektor Antenne MV
– Rainer Lemke, Marketingchef Itzehoer Versicherungen
– Tom Buyny, Tankhaus Stavenhagen
– Michael Fengler, Hörer

Es ist Zeit für ein neues Röhrenradio – endlich was anderes.

Soweit erstmal.
Fragen? An mich 🙂

2 Kommentare
  1. Perle sagte:

    Nur eine Frage : Wann geht’s los ? 🙂

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