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toll!

Der Tag war gut.
Es hat geregnet, wurde spät hell und früh dunkel. Es war weniger hell als an einem Sonnentag. Vor allem ist an einem Regentag der helle Anteil weit geringer.
Der Tag war gut und ich überlege, woran dies wohl lag. Lag es am Tee ostfriesischer Mischung schlechter Rohstoffe mit mecklenburgischem Küsten-Honig und Zitronensaft aus alten Zitronen unbekannter Provenience?
Oder lag es am Leberwurstbrot aus fröhlicher Haltung und artgerechter Zubereitung?

Ein guter Tag entsteht in aller Regel nur, wenn er gut vorbereitet worden ist. Zum Beispiel durch einen guten Vorabend.
Ja. Der Vorabend war gut. Ich habe in den Fernseher geschaut und nichts gesehen. Oder so: Ich sah einen Film und hatte danach Denkbedarf. Also schaltete ich die unterhaltungsverlängernden Geräte ab und schaute. Immer in eine Richtung. Das hat Spaß gemacht.
Was habe ich an unnützem Programm alles nicht gesehen. Das war wirklich schön.

Und blieb nicht ohne Folgen, ich setzte die Verneinung heute morgen fort.
Nur ein Test-Blick auf Facebook, der Wutspeicher schwoll – und husch! Weg und raus und Schnauze da draußen!
Zurückgelehnt.
Musik komponiert.
Vorfreude auf einen Winter, der alles Böse zu Eis gefrieren – und im Frühjahr zu übel stinkendem Abwasser schmelzen lässt.
So klingt Hoffnung im dunklen Wald. Also jetzt.

Der November ist der Mai des Winters.

Nein, ich äußere mich nicht zur USA-Wahl.
Barak Obama hat gewonnen und alle Guten haben vor Freude geweint. Vor 8 Jahren. Weil jetzt die Welt eine bessere sein würde. Weil das nämlich der US-Präsident entscheidet. Und ein Schwarzer könne ja nur Gutes bringen.
Als ich in den damals üblichen Internet-Foren vor Euphorie warnte und Obama als einen weiteren Büttel des Kapitals im Schafspelz kommen sah, warf man mir Böses entgegen. So viel, dass ich kurz zweifelte und schnell beschloss, meine Klappe zu halten. Die Guten können mit Offenheit und Logik nicht so. Und sie waren sich alle einig. Das macht stark, so in der Gruppe, wie bei Nazis zuhause.
Ich bringe jetzt nicht den zwingenden Kalauer vom Wolf, der am Ende doch nur ein schwarzes Schaf war. Mit nicht erklärten Kriegen, Foltergefängnissen und Chemieindustrie.
Und ich schreibe jetzt nichts über die heute Trauernden, die es also bedauern, dass eine Kriegstreiberin, die den Feldzug gegen Russland offen befürwortet, nicht die Führung der Welt übernehmen darf.
Es hat offenbar eine Menge großdeutsches Gedankengut überwintert; da geistert „der Iwan“ noch durch die Kaffeestuben, ist der „mongolische Untermensch“ genau so nachhaltig verschwunden, wie „der Neger“.

Und erst recht schreibe ich nichts über den Gewinner. Und schon gar nichts über das „demokratische“ Wahlsystem in den USA.
Ich schreibe nichts über die fröhliche Unterhaltungsschau, die gespielt wird, während die NATO ihre Söldner an der russischen Grenze in Stellung bringt.

Ich würde gerne über den USA-Wahlgewinner meckern. Aber ich kenne den gar nicht.
Also nur von Beschreibungen aus den Medien.
Ja. Also: Gar nicht.

Ich habe nochmal gelesen, was ich bis hierher geschrieben habe und da steht „die Führung der Welt“! Ich meinte damit die USA-Regierung. Da musste ich selbst lachen. Reingefallen. Also ich.

2016 WinnerGlobes WMF - Silver - Web
Ein kurzer Film über die Edelkrebszucht in Mecklenburg-Vorpommern räumte einen der begehrten WorldMediaFestival-Preise am 12. Mai in Hamburg ab. Der Film gehört zu einer Staffel Imagevideos, die Falk Schettler im Auftrag des Landwirtschaftsministeriums Mecklenburg-Vorpommern produziert hat. Mit den Filmen präsentiert sich das Land weltweit als attraktiver Aquakultur-Standort.
„Ein großes Dankeschön gilt dem Auftraggeber“, so der Filmemacher in seiner Dankesrede auf der Bühne im Delphi-Showpalast. „Für diese Produktion stand ein Budget zur Verfügung, dass es mir ermöglicht hat, auf hohem Niveau zu produzieren.“
Mit dem Filmpreis wird nicht nur eine herausragende handwerkliche Arbeit geehrt, sondern auch der Mut des Auftraggebers. Falk Schettler: „Für die Produktion eines erfolgreichen Corporate Videos ist es notwendig, dass der Auftraggeber sich in die Hand des Filmemachers begibt und diesem voll vertraut. Das war hier der Fall.“

Einmal jährlich werden auf dem WorldMediaFestival die weltweit besten Marketingfilme gekürt. In diesem Jahr hatte die Jury 750 Beiträge aus 43 Ländern zu bewerten. Weitere Preisträger waren unter anderem IKEA, die Porsche AG, Messe Frankfurt und Air New Zealand.
Das Festival gehört zu den weltweit wichtigsten Veranstaltungen der Branche.

Hier ist der preisgekrönte Film zu sehen: „Schutz durch Nutzung“

Ts! Da denke ich monatelang darüber nach, wie ich mein neues Bandprojekt gestalten werde und dann passiert das: Ich höre unsere Einriss-Kassette von 1989 und denke: Das war gut! Mehr muss man nicht tun, mal abgesehen von etwas mehr Handwerk und etwas mehr Arrangement und so. Also ein bißchen dran feilen und dann kann das wieder auf die Bühne. Aus heutiger Sicht war das offenbar die geilste Einriss-Besetzung: Volker Voigt am Schlagzeug, Thomas Baeter an der Gitarre, ich am Bass. Die Titel gehen seltsam gut ab, die Klampfe quietscht überraschend, der Bass rollt und knackt und das Schlagzeug zappelt lustig. Wenn Bass und Schlagzeug sich finden, dann marschiert das Zeug dermaßen nach vorn, dass man sich wundert, dass wir nicht reich geworden sind damit. Naja, stimmt, es war ja vorgesehen… wir hatten ja bereits Radioproduktionen, einen Fördervertrag, ausverkaufte Konzerte… und dann kam der Krieg… selbst nach der Wende haben wir die Säle gefüllt, nur leider waren wir zu selten unterwegs… Aber jetzt!
Und so ein alter Sternrecorder macht jünger!

Gustav war ein leidenschaftlicher Sammler. Zur Zeit sammelte er einfallslose Floskeln aus deutschen Filmen. Ganz oft hatte er schon: mit spitzem Mund „Aber – das wird man ja wohl noch sagen dürfen!“ gefunden. Und überraschend oft fand er Satzanfänge mit „Sag mal…“. Ohne dass der Angesprochene dann wirklich das sagen musste, was gefordert wurde. Das passierte oft im deutschen Film, dass Gesagtes nicht im Film geschah und umgekehrt.
Aber das war heute gar nicht Gustavs Thema. Vielmehr kam er in Riechweite des fehlerhaften Straßenmusikanten zum Stehen. Der Musikant musizierte nicht und Gustav sah die Chance, erstmals dem Geräuschemacher die Kritik eines Kunstfreundes ums Gehör zu hauen, ohne eine unhöfliche Unterbrechung des Programms zu provozieren. So kümmerlich der Auftritt seines Unfreundes auch war, unhöflich sollte man nicht sein, meinte Gustav. Nun war Stille und er richtete das Wort dem ausgetreckten Musikergesicht entgegen: „Dein Vortrag ist fehlerhaft dahergestümpert und wird von meinem Geschmackssinn als eine Art Prügelstrafe empfunden. Es würde mich unendlich freuen, würdest du einen anderen Ort als diesen mit deiner Anwesenheit beehren.“
Der Musikant verstand schlecht. Generell verstand er es schlecht, wenn andere Menschen von sich selbst und ihren Sorgen sprachen. Er empfand es als geradezu unpassend, dass Gustav sich seiner Anwesenheit bediente, um sich und seinen Geschmackssinn zu profilieren. Es hatte nämlich noch niemand bemerkt, dass sich die Erde in Wirklichkeit um den Akkordeonmann drehte! Er war ein Opfer der zu Grunde gehenden Theaterkantinen. Das war sein Thema. Egal welches Thema von seinen seltenen Gesprächspartnern aufgemacht wurde, er sprach vom Mittelpunkt der Welt: „Seit die Herrschenden erkannt haben, dass die Theaterkantinen die letzten Horte der Revolution sind, haben sie das Theatersterben erfunden.“
Dass jemand beim grünlichen Musikanten stehenblieb, sorgte volksseitig bereits für Gemurmel. Der ungewöhnliche Auflauf (ein Stehender beim Musikanten) bescherte einem gesichtslosen Hinzustoßenden mutähnliche Courage, unter freiem Himmel Meinungsfreiheit zu üben: „Es ist keine Ehre in dieser Epoche Spuren zu hinterlassen. Wer heute triumphiert, der leistet seinen Dienst gleißenden Götzenbildern! Aus Fata Morgana besteht der Glanz, dem die Mädchen mit den zu großen Füßen entgegenlaufen“. ‚Thomas Mann ist zurück‘, dachte Gustav.

Überhaupt würde viel zu viel über die Folgen von Alkohol geredet, statt über die Folgen von Nietzsche oder Dostojewski, schien der Musikant sagen zu wollen. Statt dessen aber stimmte er dem Gesichtslosen zu: „Generationen von Philosophen und Psychologen haben die Welt gewarnt. Umsonst!“
Bei diesen Worten lief Gustavs Gehirn schon bei 3.000 Umdrehungen pro Minute oder mehr, jedenfalls in dem Bereich mit dem roten Strich.
Der Hinzugestoßene fand Spaß am Disput und wackelte mit Hals und Kopf und Körper, als hätte er lange geübt, um Hurvinek-Double zu werden: „Die Indios, auf die Kolumbus traf, hielten die ihnen gereichten Glasperlen für das was sie waren: Glasperlen! Der Europäer von heute hält die Perlen, die ihm täglich von RTL hingeworden werden für Edelsteine!“
Der Musikant griff verzweifelt in die Saiten und spielte so falsch er konnte Stalins Lieblingslied.
Gustavs Verstand rastete ein, irgendwo in der Zukunft vielleicht, schwer zu sagen. Er stellte das linke Bein vor, beugte den Oberkörper leicht nach vorn und drehte sich zur Menschenmasse, die inzwischen glaubte, bei einer Testsendung fürs Fernsehen dabeizusein. So eine art „Verstehen Sie Spaß“ mit politischer Gesprächsrunde oder so. Man munkelte, jemand hätte Günther Jauch im Aldi gesehen.
Gustav sprach zum Volke: „Ich erinnere mich an die wundervolle Zeit meiner Jugend, als das Russiche, das Sowjetische als Vorbild galt. Als in der Heimelichkeit des sozialistischen Alltags eine patriotische Weltsicht das Gute versprach. Wir weinten nicht beim Hören dieser Musik; wir lauschten andachtsvoll einer Kultur des Sieges. Heute weinen wir ob der Schönheit, ahnend, dass diese Schönheit nur konserviert ist. Ein nie wiederkehrender Augenblick der Erinnerung.“ Umstehende begannen zu weinen, hier in der vorbeimarschgeprägten Landschaft… Gustav erhöhte die Stimme und verlangsamte das Tempo: “Es ist eine versunkene Welt: Die Welt der sozialen Sicherheit! Man nannte das 20. Jahrhundert ‚das Jahrhundert des kleinen Mannes‘. Ich war dabei!“

Niemand hatte bemerkt, dass der Musikant sich entfernt hatte. Er hatte sich der Szene entzogen, so wie damals, wenns brenzlig wurde. Gustav aber ging die Luft aus, schaute auf den leeren Raum, der bis eben noch von einem Mann mit einem Akkordeon ausgefüllt worden war.
Die Menge mit den Einkaufstüten wartete noch kurz ab, aber Günther Jauch kam nicht.

„Der macht ja auch gar nicht ‚Verstehen Sie Spaß‘! Mensch!“ Das wüsste doch jeder, hörte man Krawulke schelten, während er krähenähnlich davonwackelte.
Gustav warf einen Cent dorthin, wo sonst der Hut stand. Schon mal vorsorglich. Für morgen vielleicht, falls der Musikmann zurückkommen sollte.

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