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MEIER

Das gleiche Bild, wie anfangs.

MÜLLER:
Wie lang warten Sie schon?

MEIER:
Lange.

MÜLLER:
Das erste Mal hier?

MEIER:
Nein.

MÜLLER:
Ich bin das erste Mal hier. Aus dem Nichts heraus haben sie mich abgeschossen. Naja, im Alter muß man damit rechnen.

MEIER:
Wenn man zu teuer ist!

MÜLLER:
Und keiner von den jungen Leuten versteht, was du da eigentlich tust.
Mit Nachdruck Und das nur, weil unsereins das Handwerk gelernt hat. Was haben Sie gemacht?

MEIER:
Musiker.

MÜLLER:
Ich bin Buchhalter.

MEIER:
Das ist kein Handwerk.

MÜLLER:
Aber es gibt Regeln, wie beim, äh, Regal bauen. Oder, ähm… er macht eine Bewegung, als streiche er über eine gerade Tischplatte. Wenn du willst, daß der Tisch fest steht und die Platte gerade ist, dann mußt du dich an Regeln halten, oder?

MEIER:
Ein Tisch ist ganz simpel gebaut. Dazu muß man nur etwas im Kopf haben. Nur ein bißchen. Dazu braucht es kein Handwerk.

MÜLLER:
Aber es geht besser!

MEIER:
Alles geht besser, wenn man sein Hirn benutzt.

MÜLLER:
Genau das meine ich!

Beide schauen etwas betreten nach vorn in die Luft

MEIER:
Man kann sich gar nicht mehr über schönes Wetter freuen. Denn mit klarem Himmel kommen auch die Bomber.

Müller sieht Meier an, als wüßte er nicht genau, wohin der Themenwechsel gehen soll.

MÜLLER:
Ich war lange Zeit in einem großen deutschen Unternehmen. Marktführer! Militärisch organisiert. Grandios eigentlich!

MEIER:
Soldat.

MÜLLER:
Buchhalter!

MEIER:
Im Range eines Soldaten.

MÜLLER:
Manager immerhin.

MEIER:
lacht Pah! Manager! Gefreiter also! Mobbingsachverständiger, oder besser: Mobbingbeauftragter!

MÜLLER:
guckt schief

NEWS:
Gaststätten werden in aller Regel von Menschen geführt, deren Achtung vor dem Gast gering ist.

PROF:
Daß immer alles erklärbar sein muß! Nur deshalb zerteilen wir das Große Ganze in viele kleine Stücke. Gerade so klein, daß sie in unsere Köpfe passen.

MÜLLER:
Wie oft muß man denn hierher?

MEIER:
mehr zu sich So oft, bis sie dich ruhig gestellt haben.

MÜLLER:
Ich bin ruhig.

MEIER:
zu sich in Gedanken Zuerst bist du ruhig. Aber spätestens beim dritten Mal, nach 3 oder 4 Terminen, bist du es nicht mehr. Waren Sie bei der Fahne?

MÜLLER:
Fahne?

MEIER:
Wehrdienst!

MÜLLER:
Fahne! Was ist denn … Fahne?

MEIER:
Das heißt „Armee“. Waren Sie?

MÜLLER:
Nein. Zivildienst.

MEIER:
Und waren Sie im Knast?

MÜLLER:
Bitte?!

MEIER:
blickt starr Man wird weichgeklopft, bis man gehorcht und keine Fragen mehr stellt. Und dann wird man gefickt.

MÜLLER:
So als hätte er nicht zugehört Wie oft?

NEWS:
Die Programmierung des Unglücks. Wenn immer und immer wieder das Gegenteil des Gewünschten geschieht, ist bewiesen, daß ein unterbewußtes, ein geheimes Programm abläuft, das der Bestimmung folgt, das Gegenteil des Gewünschten zu bewirken. Derlei Dinge erledigen sich von selbst und zufällig, so scheint es. In Wahrheit aber realisiert sich eine Verhaltensmusterung, die dem grobstofflichen Erleben verborgen bleibt.

PROF:
Gaststätten werden in aller Regel von Menschen geführt, deren Achtung vor dem Gast gering ist.

Meiers Handy klingelt. Er geht ran.

Interessant ist immerhin, dass mir seit Wochen nichts Neues einfällt. Doch, sicher: Stichpunkte, zig Zettel mit Wortgruppen, Reimen und Merksätzen. Aber kein Gedicht, kein Text, kein Lied.
Alle Kraft steckt in der Profession, für die Kür bleibt zu wenig Raum; und es sind zu wenig Reize. Wie anders sollte es zugehen im mecklenburgischen Wald am See.
Deshalb veröffentliche ich nun in diesem beschaulichen Rahmen mein Stück „Meier“. Vielleicht bringt die übersichtliche Öffentlichkeit einen Impuls, um daran weiterzuarbeiten, es zu entwickeln. Auf jeden Fall gefällt es mir so besser, als wenn es hier im Schrank vergilbt. Auf die Bühne schaffts das Stück vorerst sowieso nicht. Wo doch überall das Kreative zusammengestrichen wird, unbequeme Intendanten entlassen werden, wo Künstler nur noch innerhalb eingetopfter Förderrichtlinien ihrer Kunst Gestalt geben, wenn sie anständig leben wollen.
Nunja, ist es nicht ein Zeichen von Kunst, dass sie brotlos ist? Irgendwie schon.
Deshalb ist aber nicht alles Brotlose gleich Kunst.
Vielleicht ist das Stück ja auch einfach nur brotlos. Es wird sich zeigen.

Egal. Beginnen wir mit dem Anfang, in gewisser Weise einer Art Ende.

MÜLLER, Buchhalter
MEIER, Musiker
SCHULZE, Amtsperson
DIE 5, eine Gruppe Menschen

KUNST, eine Band/Künstler/Radio
NEWS, der Fernseher
PROF, der Wissenschaftler

Etwas seitlich rechts der Mitte sitzen zwei Männer: Müller und Meier. Jeder auf einem Stuhl. Hinter den beiden Männern eine Tür, die in einen anderen Raum führt. Meier ist angetrunken.
Es ist eine sterile Atmosphäre. Links steht ein Fernsehapparat, darin erscheint hin und wieder ein Nachrichtensprecher.
Wenn der Prof auftritt, geht er immer von einer Seitenbühne zur anderen. Müller und Meier schauen ihn dann jedesmal wie ferngesteuert an und folgen seinem Gang mit ihren Blicken.
Rechts auf einem Tisch steht ein altes Radio, das immer leuchtet, wenn es spielt.

MÜLLER:
nachdenklich
Bisher habe ich Selbstmörder für Feiglinge gehalten. Nun aber weiß ich, welch hohen Mutes es bedarf, über Gottes Leben sich zu erheben und selbst zu richten über das eigene Versagen. Denn es ist das hochnotpeinliche Bekenntnis, dem Sog des Unterganges zu fliehen einzig durch das Exempel des öffentlichen Ablebens. Unvermeidlich dann die Konsequenz, jeglicher von nun an blühender Kolportage unwidersprochen Akzeptanz in voller Höhe gewähren zu müssen.

NEWS:
trocken
Der Tod ist kein Loch, in das man unbemerkt versinkt, nur um endlich zu verschwinden.

KUNST (Stimme aus dem Radio):
übertrieben wichtig
Der Tod ist die heilige Fackel, die hineinleuchte in alle scham- und gramvollen Abgründe!

PROF:
Der Freitod macht alle begangenen Fehler doppelt sichtbar. Er ist gewissermaßen ein Kontrastmittel. Man muß sogar sagen, der Freitod errichtet gewissermaßen ein Monument, das aus den Fehlern gebaut ist, die den Verblichenen auszeichneten.

MEIER:
resigniert
Der Tod ist ein Haufen Kot. Alles überflüssig Unverdauliche findet sich darin.

MÜLLER:
ruhig und fest
Wer alldem seine Stirn zu bieten die Kraft hat, dem entsteht auch der Mut, die Waffe gegen sich zu richten und seinem Elend vor den blöden Augen zufällig Anwesender den ruhmlosen Abgang zu verschaffen. Denn: Wer den Applaus liebt, der weiß, welcher Erhabenheit es bedarf, am Ende ohne Beifall in die Kulisse zu fahren.

MEIER:
steht auf und geht durch die Tür in das Zimmer. Sanft schließt er die Tür. Kurz darauf: ein Schuß, ein Schrei.

SCHULZE:
Aaaahhh! Reißt die Tür auf, wankt herein, ein paar Schritte, schaut ins Parkett und zeigt stumm und mit Entsetzen zur offenstehenden Tür; man sieht die Füße des Toten.

Vorhang.

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