Schunkeln kann Leben retten

Popstars singen Punk-Hymnen, Schlageropas feiern mit Rockstars Geburtstag – und ich sammle tschechische Blasmusikplatten von vor 1970.
Das einzige, was daran legitim ist, ist meine Vorliebe für Blasmusik, denn sie ist ehrlich. Ich hatte vor 30 Jahren den Traum, alle verfügbaren Gitarristen zusammenzutrommeln und den Rakoczy-Marsch als Metal-Stück zu vergolden. Geblieben ist die Idee. Leider findet man unter den seinerzeit Toleranz für die Hotten-Totten-Musik einfordernden jungen Leuten kaum welche mit Toleranz. Das ist geblieben oder noch nie anders gewesen.
So wie es eine Armee von Klassik-Liebhabern gibt, die den guten Johann Strauß einen Strolch schimpfen und seine Musik am liebsten ungetrennt auf den Müll werfen wollten. Wo er von Kindesbeinen an ja sowieso hingehörte. Nicht ahnend, dass die Strauß-Dynastie im Regierungsauftrag handelte und als erste staatstragende Rockstar-Familie in der Schrankwand der Geschichte steht. Der Walzerkönig Johann jedenfalls schuf große Melodien und schillernde Arrangements, in denen die hohe Schule der Komposition ein und aus geht. Denn geniale Hits sind nicht einfach, wie die Provinztänzer behaupten. Hits sind unheimlich komplex – nur sieht man das nicht auf den ersten Blick. Schon gar nicht auf den zweiten. Viele sehen das gar nicht. Nie. Da hilft es auch nicht, Musik zu studieren.
Balzac, mit dem ich gerne einen Topf Kaffee trinken würde, schrieb: „Je mittelmäßiger ein Mensch ist, um so schneller gelangt er ans Ziel.“
Was mich wirklich ärgert, ist die Tatsache, dass die Doofen immer gewinnen. Deshalb gibt es ja Märchen, damit man sich in eine Welt flüchten kann, in der das Gute siegt. Und deswegen erzählt man uns diese guten Geschichten und heißt sie Märchen – sie sind nicht wahr. Deutlicher geht’s kaum. Doch der Mensch glaubt daran, dass Märchen wahr werden können. Und das nur, weil ihm schon mal irgendeine abnorme Sexphantasie realisiert wurde oder er den Job als Abteilungsleiter bekam, obwohl sein Wissen dafür gar nicht gebaut war (dafür aber sein übler Charakter).
Das Wahrwerden egoistischen Unsinns halten viele für einen Wink des Schicksals und die Anwesenheit eines Gottes. Zu dumm. Stattdessen bestätigt die Personalpolitik in 9 von 10 Unternehmen oder Institutionen, die ich von innen kennenlernen durfte, dass die Guten höchstens die andere Wange hinhalten. Diejenigen, die nach oben kommen, sind eben genau diejenigen, die am liebsten nach unten treten. Ist doch natürlich.
Deshalb ist der Kapitalismus auch nicht die beste Gesellschaftsordnung, sondern nur die am besten funktionierende, weil sie vom normalen Betrug lebt und den Egoismus zur Grundlage allen Handelns bestimmt. Der Kapitalismus ist asozial angelegt und fördert ausschließlich das Asoziale. Wer sich also wundert, dass alles immer dööfer wird, der hat nicht nach-, vor- oder überhaupt gedacht. Die meisten Menschen haben zwei Meinungen und deshalb wird auch geheim gewählt und deshalb gewinnen auch immer die Doofen. Das Kreuz macht man ganz allein und man ist niemandem Rechenschaft schuldig.
Dostojewski und Nietzsche sind Denker alter Zeit. Sie richteten sich gegen das Neue, das Verständige, das Schöne im aufkommenden Humanismus. Sie leugnen den Sozialismus, weil er neu ist. Damals. Und sie konnten ihn nicht verstehen, weil er ein neues Denken erfordert. Erst wer sich aus dem – nicht mehr notwendigen – Lebenskampf löst und in der Gemeinschaft die Stärke erkennt, wer das Verzeihende und Mitfühlende nicht als Schwäche versteht, der ist bereit für eine neue Zeit. Doch dieser – noch theoretische – Sozialismus muss sich schützen, solange unter uns noch die alten Denker weilen. Solang auch nur einer für den persönlichen Vorteil zu töten, zu kämpfen bereit ist, solange ist die humanistische Gemeinschaft in Gefahr; solange muss sie sich verteidigen mit den Mitteln der alten Ordnung.
Auch das ist natürlich. Es ist ebenso natürlich, dass eine echte Gemeinschaft der Menschen nur mit starren Regeln funktioniert, auch mit Beschränkung der persönlichen Freiheit. Kulturpflanzen überleben in der Natur auch nur dann, wenn sie gehegt und gepflegt werden. Man muss schon ein paar wilde Natürlichkeiten um die Ecke bringen, wenn man Salat ernten möchte. Es sind doch dieselben, die im Vierzehntagesrhythmus ihren Rasen mähen und am Rednerpult von Freiheit singen. Ja es sind dieselben, die einerseits die natürliche Ordnung im freiheitlichen Kapitalismus sehen und andererseits ihr Geld mit Betrug und Unfreiheit verdienen.
Deshalb funktioniert auch der Sozialismus nicht: Weil er von Menschen gemacht wird. Wer das nicht glaubt, der geht einfach mal auf einen deutschen Flughafen und beobachtet, was passiert, wenn zum Boarding gerufen wird. Menschen verhalten sich auch im 21. Jahrhundert wie Fliegen, die ein Stück Scheiße sehen.
Oh. Hunger.

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