MEIER 1

Interessant ist immerhin, dass mir seit Wochen nichts Neues einfällt. Doch, sicher: Stichpunkte, zig Zettel mit Wortgruppen, Reimen und Merksätzen. Aber kein Gedicht, kein Text, kein Lied.
Alle Kraft steckt in der Profession, für die Kür bleibt zu wenig Raum; und es sind zu wenig Reize. Wie anders sollte es zugehen im mecklenburgischen Wald am See.
Deshalb veröffentliche ich nun in diesem beschaulichen Rahmen mein Stück „Meier“. Vielleicht bringt die übersichtliche Öffentlichkeit einen Impuls, um daran weiterzuarbeiten, es zu entwickeln. Auf jeden Fall gefällt es mir so besser, als wenn es hier im Schrank vergilbt. Auf die Bühne schaffts das Stück vorerst sowieso nicht. Wo doch überall das Kreative zusammengestrichen wird, unbequeme Intendanten entlassen werden, wo Künstler nur noch innerhalb eingetopfter Förderrichtlinien ihrer Kunst Gestalt geben, wenn sie anständig leben wollen.
Nunja, ist es nicht ein Zeichen von Kunst, dass sie brotlos ist? Irgendwie schon.
Deshalb ist aber nicht alles Brotlose gleich Kunst.
Vielleicht ist das Stück ja auch einfach nur brotlos. Es wird sich zeigen.

Egal. Beginnen wir mit dem Anfang, in gewisser Weise einer Art Ende.

MÜLLER, Buchhalter
MEIER, Musiker
SCHULZE, Amtsperson
DIE 5, eine Gruppe Menschen

KUNST, eine Band/Künstler/Radio
NEWS, der Fernseher
PROF, der Wissenschaftler

Etwas seitlich rechts der Mitte sitzen zwei Männer: Müller und Meier. Jeder auf einem Stuhl. Hinter den beiden Männern eine Tür, die in einen anderen Raum führt. Meier ist angetrunken.
Es ist eine sterile Atmosphäre. Links steht ein Fernsehapparat, darin erscheint hin und wieder ein Nachrichtensprecher.
Wenn der Prof auftritt, geht er immer von einer Seitenbühne zur anderen. Müller und Meier schauen ihn dann jedesmal wie ferngesteuert an und folgen seinem Gang mit ihren Blicken.
Rechts auf einem Tisch steht ein altes Radio, das immer leuchtet, wenn es spielt.

MÜLLER:
nachdenklich
Bisher habe ich Selbstmörder für Feiglinge gehalten. Nun aber weiß ich, welch hohen Mutes es bedarf, über Gottes Leben sich zu erheben und selbst zu richten über das eigene Versagen. Denn es ist das hochnotpeinliche Bekenntnis, dem Sog des Unterganges zu fliehen einzig durch das Exempel des öffentlichen Ablebens. Unvermeidlich dann die Konsequenz, jeglicher von nun an blühender Kolportage unwidersprochen Akzeptanz in voller Höhe gewähren zu müssen.

NEWS:
trocken
Der Tod ist kein Loch, in das man unbemerkt versinkt, nur um endlich zu verschwinden.

KUNST (Stimme aus dem Radio):
übertrieben wichtig
Der Tod ist die heilige Fackel, die hineinleuchte in alle scham- und gramvollen Abgründe!

PROF:
Der Freitod macht alle begangenen Fehler doppelt sichtbar. Er ist gewissermaßen ein Kontrastmittel. Man muß sogar sagen, der Freitod errichtet gewissermaßen ein Monument, das aus den Fehlern gebaut ist, die den Verblichenen auszeichneten.

MEIER:
resigniert
Der Tod ist ein Haufen Kot. Alles überflüssig Unverdauliche findet sich darin.

MÜLLER:
ruhig und fest
Wer alldem seine Stirn zu bieten die Kraft hat, dem entsteht auch der Mut, die Waffe gegen sich zu richten und seinem Elend vor den blöden Augen zufällig Anwesender den ruhmlosen Abgang zu verschaffen. Denn: Wer den Applaus liebt, der weiß, welcher Erhabenheit es bedarf, am Ende ohne Beifall in die Kulisse zu fahren.

MEIER:
steht auf und geht durch die Tür in das Zimmer. Sanft schließt er die Tür. Kurz darauf: ein Schuß, ein Schrei.

SCHULZE:
Aaaahhh! Reißt die Tür auf, wankt herein, ein paar Schritte, schaut ins Parkett und zeigt stumm und mit Entsetzen zur offenstehenden Tür; man sieht die Füße des Toten.

Vorhang.

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