Singen wir die Rationalhymne!

Gustav war ein leidenschaftlicher Sammler. Zur Zeit sammelte er einfallslose Floskeln aus deutschen Filmen. Ganz oft hatte er schon: mit spitzem Mund „Aber – das wird man ja wohl noch sagen dürfen!“ gefunden. Und überraschend oft fand er Satzanfänge mit „Sag mal…“. Ohne dass der Angesprochene dann wirklich das sagen musste, was gefordert wurde. Das passierte oft im deutschen Film, dass Gesagtes nicht im Film geschah und umgekehrt.
Aber das war heute gar nicht Gustavs Thema. Vielmehr kam er in Riechweite des fehlerhaften Straßenmusikanten zum Stehen. Der Musikant musizierte nicht und Gustav sah die Chance, erstmals dem Geräuschemacher die Kritik eines Kunstfreundes ums Gehör zu hauen, ohne eine unhöfliche Unterbrechung des Programms zu provozieren. So kümmerlich der Auftritt seines Unfreundes auch war, unhöflich sollte man nicht sein, meinte Gustav. Nun war Stille und er richtete das Wort dem ausgetreckten Musikergesicht entgegen: „Dein Vortrag ist fehlerhaft dahergestümpert und wird von meinem Geschmackssinn als eine Art Prügelstrafe empfunden. Es würde mich unendlich freuen, würdest du einen anderen Ort als diesen mit deiner Anwesenheit beehren.“
Der Musikant verstand schlecht. Generell verstand er es schlecht, wenn andere Menschen von sich selbst und ihren Sorgen sprachen. Er empfand es als geradezu unpassend, dass Gustav sich seiner Anwesenheit bediente, um sich und seinen Geschmackssinn zu profilieren. Es hatte nämlich noch niemand bemerkt, dass sich die Erde in Wirklichkeit um den Akkordeonmann drehte! Er war ein Opfer der zu Grunde gehenden Theaterkantinen. Das war sein Thema. Egal welches Thema von seinen seltenen Gesprächspartnern aufgemacht wurde, er sprach vom Mittelpunkt der Welt: „Seit die Herrschenden erkannt haben, dass die Theaterkantinen die letzten Horte der Revolution sind, haben sie das Theatersterben erfunden.“
Dass jemand beim grünlichen Musikanten stehenblieb, sorgte volksseitig bereits für Gemurmel. Der ungewöhnliche Auflauf (ein Stehender beim Musikanten) bescherte einem gesichtslosen Hinzustoßenden mutähnliche Courage, unter freiem Himmel Meinungsfreiheit zu üben: „Es ist keine Ehre in dieser Epoche Spuren zu hinterlassen. Wer heute triumphiert, der leistet seinen Dienst gleißenden Götzenbildern! Aus Fata Morgana besteht der Glanz, dem die Mädchen mit den zu großen Füßen entgegenlaufen“. ‚Thomas Mann ist zurück‘, dachte Gustav.

Überhaupt würde viel zu viel über die Folgen von Alkohol geredet, statt über die Folgen von Nietzsche oder Dostojewski, schien der Musikant sagen zu wollen. Statt dessen aber stimmte er dem Gesichtslosen zu: „Generationen von Philosophen und Psychologen haben die Welt gewarnt. Umsonst!“
Bei diesen Worten lief Gustavs Gehirn schon bei 3.000 Umdrehungen pro Minute oder mehr, jedenfalls in dem Bereich mit dem roten Strich.
Der Hinzugestoßene fand Spaß am Disput und wackelte mit Hals und Kopf und Körper, als hätte er lange geübt, um Hurvinek-Double zu werden: „Die Indios, auf die Kolumbus traf, hielten die ihnen gereichten Glasperlen für das was sie waren: Glasperlen! Der Europäer von heute hält die Perlen, die ihm täglich von RTL hingeworden werden für Edelsteine!“
Der Musikant griff verzweifelt in die Saiten und spielte so falsch er konnte Stalins Lieblingslied.
Gustavs Verstand rastete ein, irgendwo in der Zukunft vielleicht, schwer zu sagen. Er stellte das linke Bein vor, beugte den Oberkörper leicht nach vorn und drehte sich zur Menschenmasse, die inzwischen glaubte, bei einer Testsendung fürs Fernsehen dabeizusein. So eine art „Verstehen Sie Spaß“ mit politischer Gesprächsrunde oder so. Man munkelte, jemand hätte Günther Jauch im Aldi gesehen.
Gustav sprach zum Volke: „Ich erinnere mich an die wundervolle Zeit meiner Jugend, als das Russiche, das Sowjetische als Vorbild galt. Als in der Heimelichkeit des sozialistischen Alltags eine patriotische Weltsicht das Gute versprach. Wir weinten nicht beim Hören dieser Musik; wir lauschten andachtsvoll einer Kultur des Sieges. Heute weinen wir ob der Schönheit, ahnend, dass diese Schönheit nur konserviert ist. Ein nie wiederkehrender Augenblick der Erinnerung.“ Umstehende begannen zu weinen, hier in der vorbeimarschgeprägten Landschaft… Gustav erhöhte die Stimme und verlangsamte das Tempo: “Es ist eine versunkene Welt: Die Welt der sozialen Sicherheit! Man nannte das 20. Jahrhundert ‚das Jahrhundert des kleinen Mannes‘. Ich war dabei!“

Niemand hatte bemerkt, dass der Musikant sich entfernt hatte. Er hatte sich der Szene entzogen, so wie damals, wenns brenzlig wurde. Gustav aber ging die Luft aus, schaute auf den leeren Raum, der bis eben noch von einem Mann mit einem Akkordeon ausgefüllt worden war.
Die Menge mit den Einkaufstüten wartete noch kurz ab, aber Günther Jauch kam nicht.

„Der macht ja auch gar nicht ‚Verstehen Sie Spaß‘! Mensch!“ Das wüsste doch jeder, hörte man Krawulke schelten, während er krähenähnlich davonwackelte.
Gustav warf einen Cent dorthin, wo sonst der Hut stand. Schon mal vorsorglich. Für morgen vielleicht, falls der Musikmann zurückkommen sollte.

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