Der verwirrte Prozessor

Das hätte man nicht glauben wollen, dass der Konjunktiv eines Tages keine Rolle mehr spielen würde in den Nachrichten und Berichten der privaten Rundfunkstationen, deren Aufgabe es definitiv nicht war, dem deutschen Fernseher seine Sprache fehlerfrei zu diktieren, stattdessen die BILD-Diktion zur Serienreife zu schleifen, was bedeutete, den Indikativ, das Präteritum und die Fiktion im Realen zur Kunstform verschmelzend in jedem möglichen Falle zu erheben. Da das aber für ein gutes Bild nicht reichte, erfand man immer noch einen „ein Augenzeuge (43)“, dem solche Sätze aufgeschrieben wurden wie: „Es sah furchtbar aus!“.
Abgesehen vom hochgradig journalistischen Handwerk der Kollegen mit den kürzesten Kündigungsfristen stellte die einzig mögliche Form der Möglichkeitsform einen Standard dar, dessen Vereinheitlichung zur Zeit ihrer Erfindung eine Frage der Ehre war. Heute ist es immerhin noch eine Frage des Rektalnexus der Redakteure zum Kollektiv der Geschäftsführungsdarsteller. Ganz nebenbei fällt nun im Zuge der Beweisführung auf, dass die liebevoll kritisierten Schlagzeilenmaler dem Fortschritt ein paar Zeitzonen voraus waren, als auf der einen Seite des Signalzauns Malimo gesponnen wurde, in der amerikanisch besetzten Zone aber bereits an der Zeitungs-Ente gestrickt worden ist, die schon bald große Premieren feierte. Was damals niemand ahnte: Wenn die Ente einmal groß und stark sein würde, sollte sie in die Welt hinaus, die Elbe hinab und nur ein paar Wanderjahre später zurückkehren, als Dokutainment. Damit war das Unmögliche straffrei möglich und der Konjunktiv landete in der Gosse der Geschichtsbücher und nahm Platz neben der Glaubwürdigkeit.
Und schon ist die Verwirrung erwachsen. Keine Tageszeitung liefert noch Orientierung. Der Bildungsbürger, der wissen will, wo er gerade steht, schaut mutig auf die Ortungs-App; im Klimbim zwischen Tagesschau, DSDS und der größten Grill-Show aller Zeiten blüht die Entzündung des deutschen Geistes. Und das ohne wenn und aber, hätte, könnte oder wäre.

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