An der Schwelle zu einer neuen Uhr

Ich gehe gern im Internet spazieren. Das macht sich ganz simpel: man sitzt unfrisiert in Puschen und Bademantel und schaut bei Facebook oder Tagesschau, was die Welt zu sagen hat. Vor allem aber, was die vielen Weltenretter zu kommentieren haben.

Denn das Netz ist voll mit grandiosen Alleswissern und Alleskönnern, die das Leben als selbständige Millionäre genießen, die mit juristischer und medizinischer Vollbildung und Teilzeittätigkeit als außenpolitischer Experte unterfordert sind und deswegen den Journalisten und Wissenschaftlern, den Politikern und Künstlern in endlosen „Threads“ erklären, was sie alles richtig machen müssen, damit diese genau so erfolgreich werden wie die Webforenspezialisten, die ihre „Posts“ vermutlich gehend und coffee-to-go-trinkend zwischen den Managermeetings eilig ins iPhone drücken: der deutsche Volkskommentator.

Der hat in Wahrheit vor allem eines: keine Arbeit. Manch einer hat Arbeit, hat aber auf Arbeit nichts zu tun.
Der deutsche Volkskommentator ist vor allem eines: wütend.
Manch einer ist milde moderierend, hat aber Frust.
Der deutsche Volkskommentator heißt „Bill Dung“ oder „Karl Valentina Tereschkowa“ und behauptet wider alle Logik, Anonymität sei ein Mittel der Meinungsfreiheit.
Manch einer hat wenigstens einen eigenen Gedanken, hat aber – aus Gründen der Meinungsfreiheit – Angst, diesen unter seinem echten Namen zu „posten“. Deshalb nutzt er ein lustiges Pseudonym, das ihn bereits als unbezahlbaren Erfolgssatiriker kennzeichnet.

Meine Beobachtungen von Diskussionen im Internet begannen 1997 mit einem 33er Modem via Telekom und Hansenet.
Heute nun kann ich sagen: der deutsche Volkskommentator hat vor allem eines: keine Ahnung. Und je weniger Ahnung er von einem Thema hat, umso intensiver diskutiert er und „postet“ sich um Kopf und Kragen. Sobald er das merkt, legt er weitere „Nicks“ an, mit denen er dann sich selbst applaudiert… Er fordert von seinen Gegnern „Belege“, „Quellen“ und „wissenschaftliches Arbeiten“ (ohne selbst ähnliches beizubringen), während er unter dem Pseudonym „Krieger der Dunkelheit“ oder „Conan der Barbar“ seine Einlassungen ausläßt.

Deshalb bin ich so gerne im Netz unterwegs. Es ist unendlich lustig und frustrierend zugleich.

Meine wichtigste Erkenntnis: Nein, die Spezies Mensch ist nicht zu retten! Also rette sich wer kann!

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3 Kommentare
  1. Besonders in „Hilfe-wer-weiß-noch-weniger-als-ich-Foren“ ein beliebter Einleitungssatz: Ich weiß zwar nicht, aber… Oder: ich hab zwar keine Ahnung, aber ich kenne einen der jemanden kennt…der auch keine hat.

    Unterhaltsam, wenn man in Puschen und Bademantel nach Anzeichen für den Menschheitsuntergang sucht. Frustrierend, wenn man ausversehen wirklich mal was wissen will.

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