Folget dem Hanks

Kramer kam zu spät in die Sitzung, Krüger bremste seine Rede als hätte er zu spät die rote Ampel bemerkt und schaute auf den Hereinkommenden. Alle Köpfe drehten sich zur Tür.
Kramer hielt inne, machte seinen Blick zurecht, also in etwa so: „leicht zu ernst“, um die Ernsthaftigkeit dezent zu betonen, ohne lächerlich zu wirken.
In der Tat wirken Redner aus dem Volke schnell lächerlich, wenn sie vor einem Publikum reden und ihre Wichtigkeit mit einem der Wichtigkeit überhaupt gar nicht angemessenen wichtigen Blick betonen wollen. Daran zeigt sich schnell der niedere Stand und macht klugen Zuhörern den weiteren Vortrag unerträglich.
Nun stand also Kramer etwas unfertig in der Tür, schloß diese mit leichter Hand und legte den Finger an den Mund.
Diese Geste, voll von gespieltem verschwörerischem Mitwissertum kann eine versammelte Gemeinde bestehend aus Opportunisten und Kollaborateuren, eben die typische Zusammensetzung von Marketingabteilungen mittelschwerer Unternehmen, diese Geste also konnte ihm in dieser Gesellschaft Aufmerksamkeit garantieren. Kramer war ein kluger Wicht!
Er setzte sich gar nicht erst.
Stattdessen ging er redend um den Tisch, zwang damit also die Sklaven, ihm nicht nur mit dem Ohr, sondern auch mit dem Blick zu folgen. Somit hatte er die volle Aufmerksamkeit, solange er seine Rolle nicht überreizte. Manch zu Aufmüpfigkeit neigender Geist im Auditorium hätte ihm die Gefolgschaft versagt, sobald er seinen Hals anzuspannen genötigt wäre oder vielleicht sogar die Sitzposition hätte ändern müssen.
Kramer ging also redend, fast plaudernd und sagte Sätze wie diesen: „Kollegen, es ist nicht in erster Linie wichtig, was ein Mann sagt, sondern vielmehr, wer es sagt.“
Wir wollen zu allem Überfluß erwähnen, daß Krüger immer noch stand. Seine Ehre folgte seiner Selbstachtung auf dem Wege in den Boden, er setzte sich geräuschlos, dachte aber schnell wieder an seinen Hund, den er an diesem Morgen nicht ausgeführt hatte, da er zu spät war.
„Denken wir daran“, sprach Kramer weiter, „wie viele schöne ‚Das-Leben-ist-wie-…soundso’-Sprüche es gibt. Und jetzt raten Sie mal, welchen wir beim letzten Research übereinstimmend von allen bekamen, die einen IQ jenseits unter 100 hatten, also in unserer Zielgruppe!“
Gemurmel im Raum. Niemand wollte etwas Falsches sagen, da heute der Präsident hospitierte. In einem militärisch organisierten Unternehmen ist es besser, dumm zu schweigen, als mit Fachwissen glänzen zu wollen. Fachwissen, laut geäußert, verrät den Feind eines jeden Karrieristen.
Kramer kannte die Spielregeln, deshalb überhaupt stellte er diese Aufgabe. Er wußte vorher, daß es an ihm war, die Aufgabe zu lösen: „Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen; man weiß nie, was man bekommt.“
Allgemeine Heiterkeit. Krüger überlegte, ob er überhaupt einen anderen Spruch zum Thema kannte.
„Und jetzt raten Sie bitte, welchem Autoren unsere Probanden diesen Spruch zuschrieben!“
Das gleiche Spiel wie vorher. Nur ein anderes Timing, jetzt mußte Kramer schneller sein.
„Tom Hanks! – Die Leute glauben tatsächlich, dies sei ein Spruch von Tom Hanks. Dieser Spruch, der phonetisch ein Verbrechen ist, dessen Metrum so wacklig ist, wie eine Frau nach 2 Flaschen Sekt; dieser Spruch, der so sehr vor Dummheit strotzt und ohne jeden philosophischen Anspruch auskommt, wird als witzig und klug angesehen!“
„Nun“, so schloß er und setzte sich dabei hin, was sowohl Kapitulation als auch Entschlossenheit zum Angriff bedeuten konnte.
„Nun, wir haben also Glück. Unser Publikum hatte offenbar noch nie ein kluges Buch in der Hand. Danken wir dem Bildungssystem. Das macht unsere Arbeit leichter.“
Darüber konnte irgendwie niemand lachen. Schon allein deshalb, weil alle Anwesenden darüber in Gedanken waren, was an dem Spruch von Tom Hanks nun so schlimm war.
Ja. So waren zu dieser Zeit selbst Marketingabteilungen mittelschwerer Unternehmen besetzt.

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