Die Profis vom Westfernsehen

Immer wieder und in den vergangenen Tagen verstärkt und auf allen Kanälen geistert eine Meldung durch „die Presse“, daß DDR-Häftlinge für IKEA gebastelt haben. Eine Meldung, die mir anfangs ein Hoffnungsschimmer war, daß endlich auch die miesen Machenschaften thematisiert werden, derer man die BRD nun endlich überführen möchte.
Doch die Presse bemüht sich deutlich, daß genau das nicht passiert!

Denn diese Meldung ist so neu wie Sauermilch und hat in der aktuellen Form vor allem nur einen Zweck: einer sehr unschönen deutsch-deutschen Vergangenheit endlich eine „richtige Wahrheit“ zu geben. Mit Zertifikat, eingebauter Moralkeule und Denkbefehl für die Zukunft: „Schlimm, die DDR!“
Dabei gibt es im Osten Deutschlands doch millionenfach Zeugen. Millionen Menschen, die seinerzeit täglich in die Fabriken gingen, um für einen Hungerlohn Aldi-Tüten, Privileg-Geräte oder Puma-Sporttaschen herzustellen, Trumpf-Schokoladenerzeugnisse, Ikea-Möbel, Billigbettwäsche, Tischtücher, Strumpfhosen, Uhren usw.

Mindestens 50% der DDR-Konsumgüterproduktion ging ins NSW (Nichtsozialistisches Wirtschaftsgebiet), so die seinerzeitige Einschätzung des DDR-Außenhandels; bis zu 80% sogar schätzen westdeutsche Zeitzeugen.

Produkte aus dem Möbelwerk Bad Doberan, aus dem Verpackungsmittelwerk Schwerin oder dem Kartoffelveredlungswerk Hagenow… die Brauerei Lübz braute eine Sorte Bier und füllte diese in ca. 20 verschiedene Westverpackungen… (darüber haben wir damals sogar gelacht!)
All dieses Wissen existiert im Osten Deutschlands und müßte nur mal nachgefragt werden!

Statt dessen brauchte man nun eine Studie. Sonst glaubt es ja niemand? Nein. Solch eine Studie ist notwendig, um den Dingen eine Richtung zu geben, die „richtige“ natürlich. Diese Studie thematisiert also den wirklich kleinsten und wirtschaftlich eher unbedeutenden Teil der damals so genannten „Gestattungsproduktion“: die Häftlingsarbeit.

Dieser Fakt aber läßt sich wunderbar moralisieren!
Die Moral der BRD-Wirtschaftselite steht plötzlich nicht mehr zur Debatte; jene Moral, die es erlaubte, die Brüder und Schwestern im kleineren Deutschland als Billiglöhner zu benutzen.
Diese Billiglöhner, die täglich in ihren Betrieben die Westwaren produzierten, die sie aber nicht im Geschäft kaufen konnten.
Diese Gestattungsproduktion, die zu der verhängnisvollen Fehleinschätzung führte, „wir“ könnten auch im Kapitalismus bestehen. Ein solches Fehlurteil war nur möglich, weil keiner der damaligen westdeutschen „Freunde“ es aussprach, wie dieses Geschäftsmodell tatsächlich hieß.
Dieses Fehlurteil, das nur entstand, weil die seinerzeitige DDR-Elite zu einem Umstand schwieg, der dem ganzen Volk bekannt war.
Ich werde nicht vergessen, wie man mich beschimpfte, weil ich mit einer Puma-Sporttasche zur Schule kam. Diese Tasche sei nämlich „vom Klassenfeind“. „Nein!“, erwiderte ich, denn ich wußte es besser: „Diese Tasche wurde in unserem Patenbetrieb hergestellt, im VEB Lederwarenwerk Schwerin!“
Sozialistische Planwirtschaft im Interesse des politischen Gegners. Blöder konnten die SED-Wirtschaftsbosse die kleine DDR inklusive ihrer unschuldigen Insassen nicht entehren.

Kohl und Schmidt aber stellten sich auf den umgedrehten Emailleeimer und riefen im Fernsehen den Ostdeutschen Mut zu, während die LKW ihrer Kumpels von Quelle und Henkel durch die Mauer fuhren. Beladen mit Herrenoberhemden zum Einkaufspreis von 75 Pfennig. Die Umsatzsteuer gab’s damals sogar noch als Geschenk oben drauf.

Wer seinerzeit Geschäfte mit dem Arbeiter- und Bauern-Staat machte, der klopfte sich in Köln schon mal die Schuppen von der Schulter, von wegen clever und so.

Genscher und Waigel haben das natürlich nicht gewußt. Natürlich.

Warum „die Presse“ offenbar nicht frei ist?
Weil sie an einer geschichtlich korrekten Einordnung interessiert sein müßte.
Statt dessen interessiert sie die Skandalisierung.
Und diese Skandalisierung wiederum ist bestens geeignet, die Wirklichkeit EIN FÜR ALLE MAL und für die Zukunft so zu verkleistern, daß alle Beteiligten, die damals übel mit den DDR-Bürgern handelten, ungeschoren davon kommen. Für immer.

So geht das in einem „Rechtsstaat“, der sich über ein „Unrechtsregime“ erhebt.

Ein Lichtblick immerhin ist dieser Film: Ostprodukte im Westregal

Advertisements
2 Kommentare
  1. Confit sagte:

    Das mit dem VEB Lederwarenwerk kenne ich auch… Wildlederjacke für C&A. „Statt dessen interessiert sie die Skandalisierung.“ = guter Satz! Übrigens war das Obotrit das beste Bier.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: