Die geheimen Tagebücher eines Mitläufers

Sie nennen es „politisches Kabarett“.
Dieter Hildebrandt ist wieder ein Jahr älter geworden und erhält auch in diesem Jahr Glückwünsche von allen Seiten, auch von den guten.
Und ich frage mich, seit ich im Radio eine Geburtstagslobhudelei erduldet habe, warum es Kabarett heißt, wenn jemand ohne zu Spaßen sagt, was ihm stinkt.

Aus irgendeinem Grunde konnte ich über den Scheibenwischer der Nation noch nie lachen. Ich kann mich auch noch lebhaft erinnern, wie ich im Ostwohnzimmer das Westfernsehen einschaltete und sehnsüchtig darauf wartete, daß die Münchner Lach- und Schießgesellschaft endlich mal einen Witz macht. Klar, das Fernsehpublikum hat gelacht, aber das wirkte so unwirklich. Mir war schnell klar: das BRD-Fernsehen hat den eingespielten Lacher erfunden. Damals noch mit echten Menschen, die noch viel früher sogar einen  Namen hatten: Claqueure. Beim Schreiben fällt mir auf, daß das dann doch die Franzosen waren, die das Klatsch- und Lachvolk erfanden. Überhaupt müssen die Franzosen mal sehr gewitzte Leute gewesen sein. Sie haben die Montgolfiere erfunden und Flaubert oder Hugo geboren. Der Graf von Monte Christo durfte spannende Aussagen sagen („Kunst entsteht nicht einfach so, weil man gerade nichts besseres zu tun hat“), natürlich auf französisch. Mein Lieblingsdialog, den es im Buch gar nicht gibt, dafür aber so ähnlich in einer älteren Verfilmung:

Adliger, leicht entrüstet : „Was für Zeiten, daß ein Bürgerlicher Fürst werden kann?!“
Adliger, entrüstet amüsiert: „Nun, wenn das Geld König ist.“

Was soll ich sagen?

Politisches Kabarett in der BRD? Das ist nicht lustig. Und es gibt auch nur eine einstellige Zahl an Protagonisten, die dem grausamen Tagesgeschäft mit klugem Witz begegnen. Volker Pispers oder der mit der Holzhand.

Aber Dieter Hildebrandt? Klar, er galt als Vorzeigekabarettist des revanchistischen Deutschlands und das Staatsfernsehen leistete sich donnerstags mal etwas Faust auf den Tisch. Doch geschmerzt hat es nicht. In der humorlosen Republik gilt es eben schon als verrückt, nur die Wahrheit so zu sagen, wie sie aussieht. Dabei habe ich mich schon immer gefragt, warum politisches Kabarett in der geschlossenen Gesellschaft jedesmal ein Lachsalvenorchester schuf, während man in der amerikanisch besetzten Zone nur gelegentlich schmunzeln durfte. Und jetzt komme mir niemand mit unterschiedlicher Sozialisation und so. Über „Bananas“ hat der Ostfernseher genauso gelacht, wie der von drüben.
Komisch ist aber tatsächlich, daß es inzwischen wieder so ist wie im Osten: Eine absurde Politik verbunden mit ebenso absurder Berichterstattung (die Pläne übererfüllt, alle Werktätigen glücklich, die Führung kämpft erfolgreich für den Frieden). Das können Kabarettisten eben nicht verhindern. Das ist ihre Nahrung. Und leider sind sie am Ende auch nur Selbstdarsteller mit Hofnarrenfunktion. Aber solange sie uns Denkenden ein paar fröhliche Momente schaffen, wünsche ich ihnen weiterhin viel Gesundheit und gute Ideen. Auch Dieter Hildebrandt.
So.

Heute ist „Kunst offen“ und ich erwarte Gott an meiner Seite, daß er sehe, welch schönes Werk er an mir getan hat.

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