Deutschland sucht den Bundespräsidenten

Dann wird es jetzt wohl der Herr Gauck. Ich habe mich lange herumgequält, um einen Standpunkt zu finden. Es ist so einfach, gegen ihn zu sein, wie es immer einfach ist, gegen etwas zu sein, das für viele unbequem ist und deshalb von vielen nicht gemocht wird, egal ob es etwas gutes oder etwas schlechtes ist. Zumal die Einschätzung, was gut oder schlecht ist, immer vom Zeitgeist, also von den herrschenden Herren und deren Presse abhängig ist. Es ist auch einfach, für ihn zu sein, weil der Zeitgeist gerade aus seiner Richtung weht. Beklemmend ist, daß ständig zurückgeschaut wird. Wenn am sonntäglichen Kaffeetisch von „damals“ geredet wird, dann ist das so, weil das schon immer so war. Wenn aber in der aktuellen Politik ständig nach hinten geschaut wird und die DDR als Buhmann aus der Trickkiste geholt wird, um ein ganzes Volk zu ohrfeigen, dann ist das angesichts der aktuellen gesellschaftlichen Entwicklung schlicht ablenkend im demagogischen Sinne.

Dafür steht Herr Gauck. Oder besser: dafür wird er nun hingestellt. Frau Merkel war meines Erachtens auf dem richtigen Weg, wenn sie tatsächlich – wie von den Medien kolportiert – eigentlich gegen dieses Staatsoberhaupt war. Denn ein rückwärtsgewandter Rhetoriker, der die Freiheit der herrschenden Klasse besingt und der Jugend dieser Welt Blödheit vorwirft, weil sie sich mit offensichtlichen Mißständen kritisch auseinandersetzt, der ist eben kein Visionär. Und genau den hätte das deutsche Volk verdient.
Statt dessen singt Herr Gauck von Freiheit und Verantwortung, ohne zu ahnen, was das für einen 50jährigen bedeutet, der in Bottrop zum Hartzen geschickt wird. Wir bekommen also einen Präsidenten, der ähnlich wie alle anderen, aus einer privilegierten Oberschicht zur Masse spricht. Nur seine DDR-Vergangenheit und sein beständiges Anti-Nostalgie-Geschimpfe macht ihn irgendwie menschlich. Der gemeine Rheinländer glaubt, daß der Gauck irgendwie „zu uns gehört“, auch wenn er Ossi ist. Der gemeine Sachse glaubt, daß da im Gauckschen Lebenslauf irgendwas nicht stimmt, was nahe liegt, wenn man weiß, wie die DDR tatsächlich funktioniert hat. Und so wie man in Gotha die vergangene schöne Zeit im FDGB-Heim beweint, schreit ihnen der Herr Gauck entgegen, sie mögen sich bitte auch daran erinnern, daß sie eingesperrt waren! Das ist doch, trocken betrachtet, irgendwie blöd.
Er paßt jedenfalls in den Zeitgeist-Kontext. Jetzt, da auch dem Letzten klar wird, daß im aktuellen Kapitalismus nichts von den goldenen Bananen übrig ist, weswegen der Ostblock damals geschlossen in den Westen wollte, jetzt muß jemand ans Dirigentenpult, der allen Nostalgikern ordentlich was geigt. Und das ist das Schlimme. Es wird wieder und wieder negative Stimmung gemacht. Und der neue Bundespräsident steht mit betroffenem Gesicht da und ruft dem Volk zu, es solle verantwortungsvoll handeln! – Während hinter seinem Rücken die deutsche Börse, VW oder BASF ihre Jahrhundertumsätze der jüngeren Vergangenheit noch getoppt haben, unter anderem auch, weil sie ihre Mitarbeiter – relativ gesehen – immer schlechter bezahlen.
Theater müssen sparen, Kommunen gehen pleite, die Schulen lehren nur noch Müll – aber wir sollen uns freuen über die Freiheit!

Statt dessen wäre ein neues Denken angebracht. Der deutschen Heimat geht es so gut wie lange nicht. Das Gequatsche von der Krise ist nur Journalistenblabla – in Wirklichkeit findet gerade ein wirtschaftlicher Aufschwung statt. Der Wirtschaft geht es gut – und dem Volk ebenso, obwohl die Preise vieler lebenswichtiger Waren seit 10 Jahren verdoppelt wurden, die Löhne und Gehälter im gleichen Zeitraum geschrumpft sind, daß sie nicht mal mehr halb soviel einbringen – und trotzdem geht es uns verdammt gut!
Es geht uns gut, wir sind so frei wie lange nicht und haben täglich die Chance, die Welt zu verändern.

Statt jeden Morgen Freudentänze aufzuführen und sich in Milch, Speck und Ei zu suhlen, sollen wir uns aber daran erinnern, daß wir mal eingesperrt waren.

Ich weiß nicht.
Ich freue mich.
Der neue Präsident findet ja vielleicht auch den Blick in die Zukunft. Und wenn er auch zu den Herren von der Börse, von VW und BASF was von gesellschaftlicher Verantwortung erzählt und nicht nur zum Jammerossi gewandt, sondern auch zum Vorstand der Deutschen Bank redet, daß eine so grandiose Entwicklung nur in der Freiheit möglich sei und die nur funktionieren könne, wenn jeder seinen Beitrag leiste… dann freue ich mich auch darüber.

Dann ist es auch egal, daß die Wahl von Herrn Gauck vor allem der Ausdruck eines Dilemmas ist.
Auch wenn es kaum jemand ausspricht: es ist eine Kandidatur und eine Wahl zweiter Klasse.
Schlimm ist aber tatsächlich, daß nicht Joachim Gauck daran irgendeine Schuld trägt. Der Bundestag hat vor gut zwei Jahren dem deutschen Volk die Ohrfeige verpaßt und einen bestechlichen Schlipsträger zum obersten Deutschen befördert. Wissentlich.

Joachim Gauck wäre vor 2 Jahren die erste Wahl gewesen und die etablierte Politik hätte mit der Wahl von Herrn Gauck so eine Art Rückgrat und Gewissen bezeugt. Das ging seinerzeit nicht. Heute allerdings auch nicht.

Deshalb freue ich mich, daß es nun doch noch klappt.
Die Besteigung des Throns ist halt nicht so standesgemäß. Dafür aber wird Herr Gauck ein streitbarer Präsident sein. Und allein dadurch ist er tatsächlich eine gute Wahl.

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