Ein Zwölftel!

„Heute gehört uns ein Sechstel der Welt! Morgen wird’s schon ein Zwölftel sein!“
Dieser schöne Satz wurde vor vielen Jahren kolportiert, als der halbe Liter Exportbier noch 1,12 Mark kostete; der Satz sei einem LPG-Vorsitzenden so rausgerutscht. Im Brustton der Überzeugung natürlich. Weil es sich herrlich schimpfen und loben läßt, wenn man sich das Mitdenken abgewöhnt hat.

Letztens sagte eine sehr bekannte Politikerin: „Man kann nach einem solchen Ereignis nicht sagen, unsere Kernkraftwerke sind sicher. Sie sind sicher!“ (Der erste Halbsatz kann leicht anders gewesen sein, die Pointe hingegen ist wortwörtlich echt.)
Und so reden sich Bundespolitiker und Landräte um Kopf und Kragen, ohne Kopf oder Kragen zu verlieren. Das liegt daran, daß die meisten Multiplikatoren mit der Orthographie und dem täglichen Kampf gegen den Schreibtischnachbarn beschäftigt sind, statt sich um Inhalte zu kümmern.

Letztens im Hotel ließ ich mal den Fernseher laufen und hatte einen Heidenspaß dabei, zuzuhören, wie sich Vertreter der Lebensmittelvergifter und -unwissenschaftler gegenseitig versicherten, daß Fett und Salz und Zucker total giftig seien. Die Moderatoren waren thematisch dermaßen hoffnungslos überfordert, daß es eine wahre Freude war, diesem Schlagabtausch des Unsinns zu folgen.
Mittendrin saß ein etwas kränklich aussehender Herr, der sich dafür feiern ließ, daß er sich fleisch- und salzlos ernährt. Da fühlt man schnell Mitleid, so wie an der Kasse im Biomarkt, wenn die viel zu früh ergraute Veganerin mit schmerzhaft geröteten Fingern die Horrorpreise in die Kasse hämmert.

Ein Satz jedenfalls, der auch Tage danach noch transportiert wird, wird vermutlich zur Headline der Industriepropaganda: „Es gibt keine gesunden oder ungesunden Lebensmittel!“ – Eine wundervolle Kreation und ich schlage ihren Erfinder für den Friedensnobelpreis vor. Endlich kann Frieden herrschen zwischen seriösen Wissenschaftlern und Nestlé-Knechten. Denn der Satz ist genau so falsch, wie er vollkommen richtig ist. Ein Wunderwerk der deutschen Sprache! Gratulation und Verneigung.

Spätestens aber wenn Mutti ihren Gören Vogelbeerenmarmelade auf die Stulle schmiert und sich daran erfreut, wie das undankbare Pack plötzlich erbrechend kollabiert bis zum Exitus, wird man noch mal darüber nachdenken müssen, ob auch Milchschnitte kein gesundes oder ungesundes Lebensmittel ist. Oder Klärschlammjoghurt aus Milchbestandteilen und Erdbeerengeschmack aus Holzextrakt.
Ja? Ich meine, wenn Ballaststoffe tatsächlich so gesund sind, warum spülen wir dann unsere Kacke so achtlos in den Orkus?

Schön war auch das: Kürzlich setzten sich ein paar Bosse, die vom Lokalfernsehen für wichtig gehalten werden, an einen mikrofongeschmückten Tisch und waren ganz erstaunt. Sie konnten sich irgendwie nicht erklären, warum tausende Menschen lieber arbeitslos in der Wanne liegen, als sich 10 Stunden täglich als Hartz4-Aufstocker mobben zu lassen, in Dreischicht. Da lassen sich Edeka, Dr. Oetker und nochirgendwer vom Steuerzahler millionenschwere Fabriken in die DDR-Landschaft zimmern und beglücken das Volk mit Arbeit, die ungefähr so fair bezahlt wird, wie in der Ukraine, also ein bißchen vom letzten Jahrhundertgewinn und ein bißchen mehr von der ARGE – und dann will da niemand in die Stechuhr treten! So ein undankbares Volk.

Wirklich.
Ist es tatsächlich so seltsam, daß genau die Betriebe, die ihre soziale Verantwortung ernst nehmen und den Menschen, die täglich für ein gutes Produkt schuften, dann auch am Mehrwert beteiligen, daß also diese Betriebe keinen Fachkräftemangel haben?
Nein.
Und das liegt daran, daß ein Teil der Menschen immer noch nicht komplett verblödet ist, trotzdem ARD und BILD täglich hart daran arbeiten.
Denn heute guckt noch ein Sechstel die Tagesschau, morgen wird’s schon ein Zwölftel sein!

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