Heute vor 10 Jahren

Ich war in Arezzo.
Heute vor 10 Jahren.
Das ist eigentlich noch gar nicht so lange her. Zumindest fühlt es sich so an. „Das Symbol der freien Welt“ – ist angegriffen worden, rief ein Mitreisender, der sichtlich geschockt aus einer Bar getorkelt kam.
Ich kam gerade aus der Kirche und hatte die Fresken bestaunt. Besser gesagt: ich habe mich gefragt, was an diesen Fresken so besonders sei, zumindest für mich als Laien (für Freskenprofis sind sie aber offenbar was ziemlich besonderes, die Fresken in der Kirche in Arezzo!).

Wir hatten das Gefühl, jetzt erstmal in Italien bleiben zu müssen, weil ja alle Grenzen dicht sind und offenbar der Krieg beginnt. Das war keine so schlechte Aussicht: Toskana im September!
Erstmal gab es Martini und Naschereien, während im Nebenraum die Türme einstürzten.

Abends waren wir hoch über den Dächern von Montepulciano und tranken edlen Nobile. Um mich rum gab es die einhellige Meinung, der böse Araber ist gegen Manhattan geflogen, weil der sauer ist auf die USA mit ihrem Luxus und dem doofen Herrgott. Journalisten! Die es besser hätten wissen müssen. Hätte ich gedacht.
Ich meine, wer tagtäglich in den Redaktionsstuben der BRD miterlebt, wie die Nachrichten gebaut werden, wie Inhalte gestrichen werden, wenn sie nicht „passen“ und welch sorgsam gesiebte Informationen überhaupt an die Medien geklebt werden, der kann nicht im Ernst und ungeprüft nachplappern, was die beste Propagandanation der Welt in den Äther schreibt.

Keine Ahnung, wer, was, wie und weshalb.
Aber daß irgendein wütender Araber an einer Tankstelle in Islamabad auf die Idee kommt, 4 Flugzeuge gleichzeitig zu entführen und ein paar Abstürze zu placieren, habe ich von Beginn an bezweifelt – und wurde sofort von allen Herumstehenden als Verschwörungstheoretiker betitelt. Bis dahin wußte ich gar nicht, was das ist. Heute weiß ich es. Das habe ich gelernt aus dem 11. September 2001: wer sein Hirn benutzt, ein wenig in der Geschichte kramt und 1 und 1 zusammenzählt, der landet sofort in der rechten Esoterik-Ecke.

50.000 Tote wurden damals gehandelt. In Arezzo.
Heute sind es 50.000 Tote allein in Lübien – sagen die NATO-Gegner.

Wer soll all die Toten zählen, – und wer zählt all die Lügen?
Heute ist Betroffenheits-Day.
Und ich erinnere mich an Arezzo, der Geburtsstadt von Pietro Aretino, dem ersten (berühmten) Enthüllungsjournalisten der Neuzeit. Mit diesem Begriff kann man sich vor ihm verneigen. Wer das Leben dieses Menschen kritisch sehen möchte, der kommt eher auf einen anderen Terminus: Pietro Aretino, der erste Ganove, der mit Informationen gehandelt hat und nur das veröffentlichte, was ihm selbst gerade nützte oder seinem Feinde schadete. Wenn das die wahre Erscheinung des Journalismus ist, dann stehen die Antworten auf so gut wie alle Fragen zum Attentat auf das WTC wohl noch aus.

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