Gute alte DDR?

Warum muß ich immer diese Art von Kneipendiskussionen haben?

Nein, es war nicht alles gut!
Aber ich habe die DDR aktiv erlebt, als das Leben anfing „zu fetzen“. Wir hatten Punk und NDW, als gäbe es keine Grenze. Das kommunale Kabelnetz hat Westfernsehen ganz offiziell in die Wohnzimmer geschickt und in der „aktuell-politischen Diskussion“ wurden auch Inhalte aus der Tagesschau diskutiert. Ich ging mit einer Puma-Sporttasche zur Schule und für die 60:40-Regelung interessierte sich keine Sau. Ich ging auf Dorfdisko, wo selbst die Bumsbands „Major Tom“ spielten und wir feierten, als gäbe es kein Morgen. Ich ließ mich für Feten krank schreiben und trug Westanzüge mit Ostschnürstiefeln + Ledermantel. Steht so in den Überbleibseln meiner Akte.

Nein, ich möchte sie nicht zurück!
Aber es darf in einem Land, das sich die Meinungsfreiheit auf die Stirn klebt, offen ausgesprochen werden, was man als gut oder besser empfunden hat – im Vergleich zu heute. Nirgends wird so rigoros das Detail mit dem Ganzen verkleistert, wie bei der Betrachtung der deutschen Geschichte. Wer heute sagt, Hitler habe mit dem Wettrüsten nicht begonnen, der hat schon bald den Verfassungsschutz unterm Bett. Und wer heute sagt, das systematische Kollektivieren von Kindern und Jugendlichen sei eine nützliche Einrichtung, dem werden am nächsten Tag die Kinder entführt. Kollektiv.
Daß das „westliche Wertesystem“ „besser“ „funktioniert“, das erleben wir jeden Tag in Hamburg in der U-Bahn. Und in Berlin. Und beim PISA-Test. Und überhaupt.

Nein, ich war nicht eingesperrt!
Aber es gab da diese Grenze. Ja.
War ich etwa der einzige, für den die Grenze nur ein Zaun war? Ein Hindernis, eine Hürde?
Klar, wer sich am hellichten Tag fröhlich pfeiffend durch die Büsche geschlagen hat und vorm Signalzaun von einem lustigen Wehrmachtssoldaten mit DDR-Emblem und Russenknarre empfangen wurde, der hatte ein paar schwere Zeiten vor sich. Aber das wußte doch jeder – denkt man eigentlich. Wenn ich heute sehe, wie die Menschen Fertigpizzen zum Essen einkaufen und Schimmelpilzbrause mit Ammoniumsulfit-Zuckerkulör zum Trinken, dann bezweifel ich, ob der gemeine Mensch an sich überhaupt irgendetwas weiß, jenseits von Saufen, Vögeln und DSDS.

So gesehen hatte die Grenze auch eine gewisse Schutzfunktion: vor der Lebensmittel(vergiftungs)industrie. Ich werde meine erste Westleberwurst nie vergessen: sie sah so frisch aus, auch noch am 5. Tag – nur sie hat nach Nichts geschmeckt. Auch noch am 5. Tag. ‚Das muß damit zu tun haben, daß die Wurst besser ist‘, haben wir gedacht. Wäre das wenigstens lustig, könnte ich an dieser Stelle lachen.

Nein, ich will keinen DDR-Sozialismus!
Aber die DDR war trotz ihrer Kleinkariertheit irgendwie auch süß. Denn ernstnehmen konnte man das System nicht. Das ist nämlich das Schlimmste, was einem so auf Blödheit und Gehorsam aufgebauten System passieren kann. Weil es sich dagegen nicht wehren kann. Man mußte nur aufpassen, daß man nicht anfängt zu lachen. Das konnte schon mal ins Auge gehen.
Die Fragen von diesen Systemmenschen waren immer die gleichen, wenn ich normale Dinge getan habe, wie z.B. zu kündigen oder nicht 10 Jahre zur Armee zu gehen: „Was ist DAS DENN für eine Einstellung?“ – das war eine Frage, die nicht zu beantworten ist.

Alle tun immer so, als hätte das DDR-Volk die Mauer eingerissen. DIESES VOLK? BITTE? WER bitteschön hat denn die Abermillionen Schallplatten von Sandra Mo & Jan Gregor oder Ralf-Bummi Bursi gekauft? WER? Die Partei oder was?

Und wir sind damals auf die Bühnen der (beschränkten) Welt geklettert und haben den Leuten was gesungen über ihre eigene Blödheit.
Denn nichts ist staatstragender als der beschränkte Mensch an sich. Jeder für sich. Wie kann ein System funktionieren, wenn alle dagegen sind außer Karl-Eduard von Schnitzler?
Und diese Folklore nimmt immer mehr zu. Die „Helmut-Helmut“-Schreier von damals finden sich jetzt im Fernsehen wieder, als hätten sie was bewegt. Keiner mag sich offenbar daran erinnern, daß zuerst die Ungarn den Zaun aufgemacht haben, dann die Tschechen und dann irgendwann, als der Ossi im Ostfernsehen erstmals was von Unzufriedenheit im DDR-Volk hörte, ging er zärtlich auf die Straße. Wahrscheinlich, weils gerade kein Toilettenpapier gab.
Und nicht in Leipzig oder Berlin oder Rostock.
In Plauen!
Weil die sich den Po mit Plauener Spitze wischen mußten.
Die DDR-Wende ist nicht auf der Straße angeschoben worden, sondern von Künstlern, von Intellektuellen über die Medien. Von einer Riege, die sowieso zur Elite gehörte. Viele von denen hatten ihre Pässe längst und sind in Westberlin zum Zahnarzt gegangen. Und – wie unglaublich! – meist auch zurückgekommen.
Die DDR-Wende ist gestartet mit Glasnost und Perestroika. Und wenn die BRD damals kein Interesse daran gehabt hätte, daß man DDR-Botschaftsflüchtlinge im Fernsehen zeigt, DANN HÄTTE MAN DIE NIE IM FERNSEHEN GEZEIGT – so wie all die Jahre zuvor.
Oder glaubt hier jemand an die freie Presse? Hieß so nicht eine DDR-Zeitung in Magdeburg? Lustig oder?
Die Wende in der DDR ist zugelassen worden. Mehr nicht. Und damit der Zerspanungsfacharbeiter in Quedlinburg merkt, daß da was geht, hat man in Ungarn und in der CSSR die Latten hochgezogen. Bis der Antisozialist endlich kollektiv auf die Straße ging, floß aber noch eine Menge Chemie die Elbe hinab.

Nein, ich will nur, daß man bei der Realität bleibt!

Advertisements
9 Kommentare
  1. Polizei Osterei sagte:

    Ich kann das Gebelle der DDR-Kritiker auch nicht mehr hören. So recht sie oft haben, aber ich kenne so einige, die in der DDR für Bürgerrechte und Freiheit und gegen Bevormundung „gekämpft“ haben und nach der Wende dann genau das gleiche praktiziert haben. Oder wie war das mit dem Radioboß (ehemaliger „Oppositioneller“), der gesagt hat: „Wer in meinem Unternehmen das Wort „Betriebsrat“ in den Mund nimmt, der kann sofort gehen.“ Derselbe soll auch Moderatoren zusammengefaltet haben, wenn sie on air mal etwas CDU-kritisches gesagt haben… Kommt dir das bekannt vor?

    Ich will die DDR auch nicht zurück. Aber mein kleines Leben in dem kleinen Staat habe ich mir von den SED-Idioten nicht kaputtmachen lassen…
    Dein Feind hat immer nur soviel Macht, wie du ihm gibst.

  2. Maja sagte:

    Gute alte DDR höre ich immer, es gibt viele, die der guten alten DDR nachtrauern. ich kenne einige.
    ich bin nicht aus der guten alten DDR, aber ich kann denken. und ich denke, es war eine Mauer da, es waren Grenzpolizisten da, die menschen erschossen haben, wenn sie diese mauer überqueren wollten, Ihr wart eingesperrt. ihr habt es vielleicht nicht so empfunden.
    Ihr wart so erzogen, dass die DDR das non plus Ultra ist und der Westen was schlechtes.
    ich habe oder hatte Verwandte in Gotha Thürigen,
    nahe Verwandte, meine Tante mit ihren drei Söhnen,
    der jüngste ist unter ungeklärten Umständen erschossen worden . die Mutter durfte den Sarg nicht mehr öffnen.
    Er wollte nicht fliehen, er war ein junger mann von 20 jahren der frisch verliebt war, warum sollte er fliehen.
    aber er sagte mal, als er zur Konfirmation ging, in der DDR hiess es gaube ich, Jugendweihe,
    „diese Uhr ziehe ich nicht an, die ist aus dem Westen“ meine Mutter hatte ihm zu diesem Anlass eine Uhr geschenkt.
    Das nur dazu, wie die menschen schon von klein auf erzogen wurden, gegen den Westen zu sein.
    Und heute gibts noch einige, die der DDR wirklich nachtrauern. Mir sind einige persönlich bekannt.

    • Ich meine ja nur, daß es eine plakative Sicht auf die Dinge in Wahrheit nicht gibt. Höchstens auf dem Plakat.

      Ich trauere der DDR jedenfalls nicht nach. Aber ICH trete auch nicht nach ihr. Und ich gehöre nun wirklich zu den Leuten, die nicht verschont worden sind.
      Ich kenne genügend Arschkriecher, die jetzt so tun, als wären sie immer dagegen gewesen. Und DAS regt mich gerne mal auf 😉

  3. Andrea sagte:

    „Volksstimme“ hieß/heißt die Magdeburger Zeitung, Falk. Ist es nicht die Leipziger „Freie Presse“?

    @Maja: Dein Zitat KANN nicht stimmen. Niemnd im Osten „zieht“ ein Uhr an! Auch keinen Ring und keine Brille. Die Brille wird aufgesetzt, der Ring auch. Die Uhr machen wir um. Dieses „Anziehen“ kenne ich aus NRW.

  4. Mörmelhans sagte:

    Hi Falk,

    „Freie Presse“ ist aus Karl-May-Stadt oder so.
    Hatte einen Cousin in Zwickau. Der hat viel darin
    gelesen. Allerdings nur die Artikel über die BSG Sachsenring…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: