Nannsens

Die Süddeutsche Zeitung ist ein Blatt, das beim Intellektuellen-Blind-Date besonders gern als Erkennungsmerkmal unterm Arm getragen wird. Dabei leuchtet es wie eine Weiße Fahne vor dem nahenden Kennenlernen und der Entdeckung der Flachheit. Nun, wer glaubt, bei elitepartner.de eine einsame Führungskraft mit viel Kopf hinter der Stirn zu treffen, der sollte dringend die Zeitung wechseln.
Bei der Süddeutschen, von ihren Freunden auch liebevoll „Süddeutsche“, oder bei fröhlicher Zeitnot auch „SZ“ genannt…; bei der SZ also sollen Journalisten arbeiten, die insbesondere dadurch auffallen, daß sie das schreiben, was niemand wissen soll. An dieses Wissen kommen sie durch grandiose Recherchen, wie z.B. einem Anruf im Lagezentrum des Innenministeriums, oder (ganz abgefahren) beim gemeinsamen Sexkinobesuch mit dem LKA-Direktor.

In Deutschland ist es übrigens deutlich schwerer, z.B. ein schickes 9-Zimmer-Loft zu finden, als an geheime Informationen zu gelangen. (Das liegt weniger an den vorhandenen Informationen, als vielmehr daran, was heute als „geheim“ gelten darf.)
Jetzt sollten sie dafür einen Preis bekommen. Einen ehrenwerten Preis, wie der Chefinvestigator Leyendecker tatsächlich glaubt. Dabei wird der Preis vom Focus-Macher ausgelobt!
Also diesen Preis, mit dem die zweite Reihe des Boulevardjournals gerne die erste Reihe der deutschen Schreibmaschinen beklebt, sollten 3 Leute der SZ bekommen.

Das an sich fanden die gar nicht schlimm!
Aber daß Helmut Markwort und die ihm unterwürfige Jury auch gleich noch zwei Schreibhälse der BILD bekleben wollte, ging den 3 Edel-Süddeutschen einen Absatz zu weit. Sie sagten ab.
Dabei sollten sie dem Herrn Focus echt dankbar sein, daß der ihnen die Chance gegeben hat, gut aus der Affäre zu kommen. Allein zu dritt aufs Podest gerufen, wären sie wohl gegangen worden. Aber mit der BILD zusammen einen Blumenstrauß zu teilen, das kann man den Herren offenbar nicht zumuten.
Dabei ist die Wahl des Preises, der alljährlich mit dem Namen des hitlertreuen Journalisten Henri Nannen veredelt wird, nur die landesweite Bestätigung dafür, daß aus deutschen Redaktionsstuben heraus nicht mehr recherchiert oder gar nachgefragt wird. Außer Hans Leyendecker sitzt vermutlich kaum noch ein Denker in Lohn und Brot eines industriellen Verlegers.

Wenn BILD nun also die Speerspitze des deutschen Journalboulevardes darstellt, wenn also eine simple Rufmordkampagne heute als „investigativ“ eingestuft wird, dann wäre es doch eigentlich an der Zeit, alle Journalistenschulen zu schließen und schnell wieder die herrschaftliche Zensur einzuführen.
Ach stimmt, sie sind ja schon dabei…
Na dann bleibt nur eines: Leyendecker und seine Kumpels müssen dem Beruf den kalten Daumen zudrehen und in die Werbung wechseln.


Wofür ein Blog nicht da ist:

Ich hatte heute eine Idee und eine Meinung. Aber ich behalte beides für mich.


GEMA WEG!

Ich mag diese Diskussionen.

Ich denke auch, daß Sven Regener mit seiner “Wutrede” ziemlich richtig liegt.
Was er allerdings nicht sagt und vermutlich auch nicht denkt, ist die Tatsache, daß die GEMA für viele Autoren die Haupteinnahmequelle ist oder war. Das allein ist ja auch nicht schlimm.
Aber das Modell, wie mit der GEMA Geld verdient wird, ist an sich ziemlich genial und auf der anderen Seite völlige Abzocke.
Ich weiß ja nicht, wieviele Menschen sich schon mal die Frage gestellt haben, WIESO jemand, der mit Modern Talking für eine neue Art musikalischen Abfall sorgte, daran stinkreich geworden ist.

Es ist das Prinzip.

Und daß sich irgendwann mal Widerstand der Konsumenten regt, ist nach 100 Jahren genialer Abzocke auch nur ein Zeichen für die Dummheit des Konsumenten und die Linientreue der Journalisten. Egal unter welcher Regierung auch immer.

Das Prinzip GEMA ist folgendes (Ich wähle ein Gleichnis, wie Jesus, damit man mich besser verstehe):

Du kaufst dir ein Handtuch und bezahlst es auch. Und jedesmal, wenn du das Handtuch verwendest, bezahlst du obendrauf eine  Benutzungsgebühr.

Frage: Wer würde ein solches Handtuch kaufen?


Die dunkle Zeit

Der Tag ist fern noch, da gesprochen wird, wir, die Elenden, hätten im dunkelsten aller Zeitalter gelebt. Jeder menschlichen Freiheit beraubt – also wird man uns bedauern. Bekundet doch die Herrschaft täglich das Gegenteil; wiewohl jedem Mann klar sein möge, daß nur die Lüge der ständigen Erinnerung bedarf: damit sie wahr werde.

Wie in Rom vor Jahren werden wir in Käfigen gehalten, die sich Städte und Dörfer nennen. Die Seile, mit denen man uns bindet, bestehen aus Zahlen und Worten. Alles aber zu dem Zwecke der alltäglichen Arbeit. Der Lohn aber gewährt den Herren ein hohes Leben, nicht aber mir und meinen Kindern. Wir sind die Sklaven, die von ihrer Hände Arbeit nicht einmal mehr leben können. Gerade noch genug Geld bleibt uns, um das Handelsgut der Herren zu erwerben, das uns Linderung verspricht, aber nur Schuld über uns bringt. Das ist der Verfall der Sitten!

Wehe dem, der die Wahrheit singt. Wenn die Herren es gut mit ihm meinen, schicken sie ihn fort als Narr, Schauspieler und sonstiger Dummkopf. Meinen sie ihm böse, dann ist er das nächste Opfer auf dem Altar der Rechtschaffenheit. Du staunst? Denn rechtschaffend ist nur der, der dem Fürsten um den Bart geht.

Svarin, vermutlich 14. Jahrhundert


Samstag

Nun ja. Ähm.

Schwarzer Tee mit Zitrone und Zucker schmeckt aus einer Keramiktasse so ähnlich wie heiße Limonade. Ich mag ja heiße Limonade. Im Sommer, wenn man auf dem Weg zum Strand vergessen hat, die Flasche Kola aus der Flaschentasche im Auto zu nehmen und wenn man völlig durchgekühlt vom Wasserstrampeln zurückkommt, dann die heiße Kola findet… Toll!
Leider habe ich lange keine heiße Kola mehr trinken können, weil ich vor vielen Jahren das Baden im See eingestellt habe. Aus Gründen des Naturschutzes. Vegetarier, die im See schwimmen gehen, sind wie Volksvertreter bei einer Bertelsmannparty.

So. Jetzt muß ich den Mietwagen abholen.
Aber nicht, bevor ich einen Küchentrick verrate: wenn der Küchentisch mal wieder mit Kerzenwachs vollgekleckert ist, dann braucht man nur etwas heißen Tee mit Zucker und Zitrone draufzugeben und der Wachs löst sich wie von Geisterhand!


Es läuft

Ja, alte Zeiten waren besser
Schärfer waren gute Messer
Denker hatten was zu Lachen
Räuber konnten Beute machen 

Tief im Keller war zu Essen
Für den Winter, gut bemessen
Angst gab es nur im Theater
Froh- und Leichtsinn, morgens Kater 

Gasthausköche konnten kochen
Fürs Heizen wurde Torf gestochen
Zum Feierabend wurd’ gefeiert
Geschimpft, geliebt und angemeiert 

Ja, so wars in hellren Tagen
Die heutigen sind unsre Plagen
Und folgen dem Gesetz der Irren
Verwandeln sich, uns zu verwirren

Leere Kasse, leerer Tank
Leere Tasse, leerer Schrank
Dunkler Flur und Buntfernsehen
Verwandeln sich und werden schön 

Denn heut ist gestern, morgen schon
Der Uhren Lauf allein wird Lohn
Ein schöner Tag in der Geschichte
Wird heute sein, sieh die Berichte!


Deutschland sucht den Bundespräsidenten

Dann wird es jetzt wohl der Herr Gauck. Ich habe mich lange herumgequält, um einen Standpunkt zu finden. Es ist so einfach, gegen ihn zu sein, wie es immer einfach ist, gegen etwas zu sein, das für viele unbequem ist und deshalb von vielen nicht gemocht wird, egal ob es etwas gutes oder etwas schlechtes ist. Zumal die Einschätzung, was gut oder schlecht ist, immer vom Zeitgeist, also von den herrschenden Herren und deren Presse abhängig ist. Es ist auch einfach, für ihn zu sein, weil der Zeitgeist gerade aus seiner Richtung weht. Beklemmend ist, daß ständig zurückgeschaut wird. Wenn am sonntäglichen Kaffeetisch von “damals” geredet wird, dann ist das so, weil das schon immer so war. Wenn aber in der aktuellen Politik ständig nach hinten geschaut wird und die DDR als Buhmann aus der Trickkiste geholt wird, um ein ganzes Volk zu ohrfeigen, dann ist das angesichts der aktuellen gesellschaftlichen Entwicklung schlicht ablenkend im demagogischen Sinne.

Dafür steht Herr Gauck. Oder besser: dafür wird er nun hingestellt. Frau Merkel war meines Erachtens auf dem richtigen Weg, wenn sie tatsächlich – wie von den Medien kolportiert – eigentlich gegen dieses Staatsoberhaupt war. Denn ein rückwärtsgewandter Rhetoriker, der die Freiheit der herrschenden Klasse besingt und der Jugend dieser Welt Blödheit vorwirft, weil sie sich mit offensichtlichen Mißständen kritisch auseinandersetzt, der ist eben kein Visionär. Und genau den hätte das deutsche Volk verdient.
Statt dessen singt Herr Gauck von Freiheit und Verantwortung, ohne zu ahnen, was das für einen 50jährigen bedeutet, der in Bottrop zum Hartzen geschickt wird. Wir bekommen also einen Präsidenten, der ähnlich wie alle anderen, aus einer privilegierten Oberschicht zur Masse spricht. Nur seine DDR-Vergangenheit und sein beständiges Anti-Nostalgie-Geschimpfe macht ihn irgendwie menschlich. Der gemeine Rheinländer glaubt, daß der Gauck irgendwie “zu uns gehört”, auch wenn er Ossi ist. Der gemeine Sachse glaubt, daß da im Gauckschen Lebenslauf irgendwas nicht stimmt, was nahe liegt, wenn man weiß, wie die DDR tatsächlich funktioniert hat. Und so wie man in Gotha die vergangene schöne Zeit im FDGB-Heim beweint, schreit ihnen der Herr Gauck entgegen, sie mögen sich bitte auch daran erinnern, daß sie eingesperrt waren! Das ist doch, trocken betrachtet, irgendwie blöd.
Er paßt jedenfalls in den Zeitgeist-Kontext. Jetzt, da auch dem Letzten klar wird, daß im aktuellen Kapitalismus nichts von den goldenen Bananen übrig ist, weswegen der Ostblock damals geschlossen in den Westen wollte, jetzt muß jemand ans Dirigentenpult, der allen Nostalgikern ordentlich was geigt. Und das ist das Schlimme. Es wird wieder und wieder negative Stimmung gemacht. Und der neue Bundespräsident steht mit betroffenem Gesicht da und ruft dem Volk zu, es solle verantwortungsvoll handeln! – Während hinter seinem Rücken die deutsche Börse, VW oder BASF ihre Jahrhundertumsätze der jüngeren Vergangenheit noch getoppt haben, unter anderem auch, weil sie ihre Mitarbeiter – relativ gesehen – immer schlechter bezahlen.
Theater müssen sparen, Kommunen gehen pleite, die Schulen lehren nur noch Müll – aber wir sollen uns freuen über die Freiheit!

Statt dessen wäre ein neues Denken angebracht. Der deutschen Heimat geht es so gut wie lange nicht. Das Gequatsche von der Krise ist nur Journalistenblabla – in Wirklichkeit findet gerade ein wirtschaftlicher Aufschwung statt. Der Wirtschaft geht es gut – und dem Volk ebenso, obwohl die Preise vieler lebenswichtiger Waren seit 10 Jahren verdoppelt wurden, die Löhne und Gehälter im gleichen Zeitraum geschrumpft sind, daß sie nicht mal mehr halb soviel einbringen – und trotzdem geht es uns verdammt gut!
Es geht uns gut, wir sind so frei wie lange nicht und haben täglich die Chance, die Welt zu verändern.

Statt jeden Morgen Freudentänze aufzuführen und sich in Milch, Speck und Ei zu suhlen, sollen wir uns aber daran erinnern, daß wir mal eingesperrt waren.

Ich weiß nicht.
Ich freue mich.
Der neue Präsident findet ja vielleicht auch den Blick in die Zukunft. Und wenn er auch zu den Herren von der Börse, von VW und BASF was von gesellschaftlicher Verantwortung erzählt und nicht nur zum Jammerossi gewandt, sondern auch zum Vorstand der Deutschen Bank redet, daß eine so grandiose Entwicklung nur in der Freiheit möglich sei und die nur funktionieren könne, wenn jeder seinen Beitrag leiste… dann freue ich mich auch darüber.

Dann ist es auch egal, daß die Wahl von Herrn Gauck vor allem der Ausdruck eines Dilemmas ist.
Auch wenn es kaum jemand ausspricht: es ist eine Kandidatur und eine Wahl zweiter Klasse.
Schlimm ist aber tatsächlich, daß nicht Joachim Gauck daran irgendeine Schuld trägt. Der Bundestag hat vor gut zwei Jahren dem deutschen Volk die Ohrfeige verpaßt und einen bestechlichen Schlipsträger zum obersten Deutschen befördert. Wissentlich.

Joachim Gauck wäre vor 2 Jahren die erste Wahl gewesen und die etablierte Politik hätte mit der Wahl von Herrn Gauck so eine Art Rückgrat und Gewissen bezeugt. Das ging seinerzeit nicht. Heute allerdings auch nicht.

Deshalb freue ich mich, daß es nun doch noch klappt.
Die Besteigung des Throns ist halt nicht so standesgemäß. Dafür aber wird Herr Gauck ein streitbarer Präsident sein. Und allein dadurch ist er tatsächlich eine gute Wahl.


Flaubert

Er war ein kluger Mann. Mich hat er begeistert mit einem Ausspruch, den man ihm zumindest ans Revers klebt: Er sei gegen die Einführung der Eisenbahn, weil sie noch mehr Menschen gestatte, zusammenzukommen und gemeinsam dumm zu sein.

So wächst die Liste mit den Namen der Männer, deren verklausulierte Gedanken ich schon bald lesen möchte.

An sich ist das nicht so schlimm, wäre da nicht das Regal voller Bücher, die ich gerne noch einmal lesen möchte. Und der Stapel der Bücher, die ich noch gar nicht gelesen habe. Und der Stapel der Bücher, die ich derzeit lese. Am meisten lese ich zur Zeit „Irre“. Fängt rasant und witzig an. Wird aber im Verlauf mehr und mehr zu einem populärwissenschaftlichen Psychiatrie-Lehrbuch. Wer also das aktuelle Wissen zur Behandlung von Depressionen oder Alkoholsucht – unterhaltsam geschrieben – aufnehmen möchte, dem sei das Buch ans Herz gedrückt.
Viel mehr macht mir mein heutiger Tagesablauf zu schaffen. Der entspricht ungefähr dem gestrigen. Er besteht aus irgendwie nichts. Außer Essen, Trinken und Zähneputzen vielleicht. Aber vor allem aus einem nicht: Langeweile.
Das wiederum freut mich maßlos. Der berühmte Philosoph (ich) hat nämlich gesagt: „Langeweile entsteht, wenn man selbst seinen eigenen Ansprüchen an Unterhaltung nicht genügt.“

Sowas kommt dabei heraus!

Ich würde jetzt gerne die neue Gottschalk-Sendung schauen. Aber es ist Sonntagnachmittag und da läuft kanalübergreifend die Fernsehen-gewordene Verachtung der Unterhaltungschefs für das zu unterhaltende Volk. Auch deshalb ist es besser, kein TV-Programm im Haus zu haben. Schließlich füllt man seine Vorratskammer ja auch nicht mit schimmligem Brot.

Interessanterweise wird von meinem Berufsverband, dem DJV, immer wieder gern die Qualitätsdebatte geführt. Auch jetzt, gerade nach dem Wulff-Radau. Als wenn es dieser überflüssigen Lügenschlacht bedurfte! Jede Fernseh-Redaktionskonferenz lieferte Gründe genug… Wer als Journalist journalistische Qualität will und gleichzeitig bei FAZ oder ZDF arbeitet, der erkennt die einfachsten Zusammenhänge offenbar nicht. Ich meine, man muß sich für eines entscheiden!

Mein Ausflug in den Journalismus jedenfalls war interessant. Am interessantesten war die Feststellung, daß alle Verschwörungstheoretiker dichter an der Wahrheit sind, als der Berufsverband.

Deswegen ist es viel fröhlicher, sich mit lustigen, manchmal melancholischen, aber klugen Köpfen zu befassen. Sartre. Flaubert. Tarnow. Nietzsche. Von Niebelschütz. Und Dr. Falk von Morgen.

Ahoi!


Nichts ist Toyota!

Einsfuffzig ist keine Hürde mehr!
Im Schloß von Aral und auch bei Shell wird getanzt. Fast 2 Jahre hat es gebraucht, bis der Deutsche sich an Spritpreise jenseits der Einsvierzig gewöhnen wollte. Von Einszehn bis Einsdreißig ging es ja in Riesenschritten. Schnell mal einen Krieg angezündet und schon sind alle Autofahrer an die Zapfsäulen gerannt, um Benzin zu holen für den Frieden!

Doch für die Einsfuffzig mußten ein paar Monate dran glauben. Herr Schell konnte seine Yacht nicht bezahlen und Frau Aral durfte solange nicht mehr zum Friseur.
Ganz schlimm war, als der Rohölpreis irgendwann im Januar mal auf um die 40 Dollar fiel und die Muschi aus der Hauptabteilung „Benzinpreisbindung“ dem Generalinspekteur weinend in den Schoß fiel… Nein, von einem so infamen Ablenkungsgetäusche der Ölmultis von Aral („Huch, das sind ja die von uns!“) wollte sich der Inspekteur nicht irritieren lassen und befahl: „Die Preise bleiben stabil!“

Das Lustspiel dauerte irgendwie ein paar Jahre. Immer, wenn an der Zapfsäule eine 5 auftauchte, traute sich kein Deutscher mehr an die Tanke. Erst, wenn der Markt wieder „Einsneununddreißig“ schrie, kamen sie in Schlangen gefahren und übten Verdrängung am Zapfhahn.

Das sah so lustig aus! Erst recht an den Kreidetafeln bei Esso, wo sonst immer nur der Strich gen Sonne ging.
Nun ging es nicht. Und kein Krieg, kein Truppenabzug, kein toter Terrorfürst… – Nichts konnte den Deutschen an die Tanke bewegen, wenn der Zeiger auf die 50 ging.

Und dann passierte es. Helmut Schmidt und Gerhard Schröder können Lieder davon singen. Beide sind so mehr oder weniger wettergestählt. Kuhles Wortspiel!

Da kam einfach der Onkel Winter hereinspaziert und plötzlich waren alle Brillen beschlagen und der Deutsche, der sonst so wachsam auf seinem Schäferhund sitzt, ließ sich ins Boxhorn pfeifen.
Den Kopf in Socken gehüllt stand er mit klammen Handschuhen an der Säule und zapfte sich den Tank voller Einsfuffziger, daß es nur so knallte – und Schuld waren die Kommunisten.
Sogar eine Zeitung malte den Soundtrack dazu in die Druckerschwärze und aß das Brot vom drohenden Krieg, sang also den Spritpreis.

Aber wenn der Spritpreis bei Kriegsangst steigt, müßte er dann bei Friedensvertrauen nicht sinken? Oder ist gar der Spritpreis der eigentliche Grund für Kriegsgründe? Müssen also Menschen aufeinander schießen, nur weil der Deutsche sonst nicht Einsfuffzig zahlen will?
In einer Welt, in der Bangladesen Schuhe mit Spucke zusammenkleben müssen, damit Herr Schröder in Nürnberg sein hart empfangenes Geld in den Deichmann wirft, da ist auch denkbar, daß der VEB Chemiekombinat ins Duschgel dasselbe Reinigungsmittel schmiert, wie in Domestos. So wie Knusperbrötchen mit Lösungsmittel bespritzt werden, damit sie nach Brötchen riechen.

Nichts ist Toyota und dein ist der Tag.
Danket dem Herrn!


Ein Zwölftel!

„Heute gehört uns ein Sechstel der Welt! Morgen wird’s schon ein Zwölftel sein!“
Dieser schöne Satz wurde vor vielen Jahren kolportiert, als der halbe Liter Exportbier noch 1,12 Mark kostete; der Satz sei einem LPG-Vorsitzenden so rausgerutscht. Im Brustton der Überzeugung natürlich. Weil es sich herrlich schimpfen und loben läßt, wenn man sich das Mitdenken abgewöhnt hat.

Letztens sagte eine sehr bekannte Politikerin: „Man kann nach einem solchen Ereignis nicht sagen, unsere Kernkraftwerke sind sicher. Sie sind sicher!“ (Der erste Halbsatz kann leicht anders gewesen sein, die Pointe hingegen ist wortwörtlich echt.)
Und so reden sich Bundespolitiker und Landräte um Kopf und Kragen, ohne Kopf oder Kragen zu verlieren. Das liegt daran, daß die meisten Multiplikatoren mit der Orthographie und dem täglichen Kampf gegen den Schreibtischnachbarn beschäftigt sind, statt sich um Inhalte zu kümmern.

Letztens im Hotel ließ ich mal den Fernseher laufen und hatte einen Heidenspaß dabei, zuzuhören, wie sich Vertreter der Lebensmittelvergifter und -unwissenschaftler gegenseitig versicherten, daß Fett und Salz und Zucker total giftig seien. Die Moderatoren waren thematisch dermaßen hoffnungslos überfordert, daß es eine wahre Freude war, diesem Schlagabtausch des Unsinns zu folgen.
Mittendrin saß ein etwas kränklich aussehender Herr, der sich dafür feiern ließ, daß er sich fleisch- und salzlos ernährt. Da fühlt man schnell Mitleid, so wie an der Kasse im Biomarkt, wenn die viel zu früh ergraute Veganerin mit schmerzhaft geröteten Fingern die Horrorpreise in die Kasse hämmert.

Ein Satz jedenfalls, der auch Tage danach noch transportiert wird, wird vermutlich zur Headline der Industriepropaganda: „Es gibt keine gesunden oder ungesunden Lebensmittel!“ – Eine wundervolle Kreation und ich schlage ihren Erfinder für den Friedensnobelpreis vor. Endlich kann Frieden herrschen zwischen seriösen Wissenschaftlern und Nestlé-Knechten. Denn der Satz ist genau so falsch, wie er vollkommen richtig ist. Ein Wunderwerk der deutschen Sprache! Gratulation und Verneigung.

Spätestens aber wenn Mutti ihren Gören Vogelbeerenmarmelade auf die Stulle schmiert und sich daran erfreut, wie das undankbare Pack plötzlich erbrechend kollabiert bis zum Exitus, wird man noch mal darüber nachdenken müssen, ob auch Milchschnitte kein gesundes oder ungesundes Lebensmittel ist. Oder Klärschlammjoghurt aus Milchbestandteilen und Erdbeerengeschmack aus Holzextrakt.
Ja? Ich meine, wenn Ballaststoffe tatsächlich so gesund sind, warum spülen wir dann unsere Kacke so achtlos in den Orkus?

Schön war auch das: Kürzlich setzten sich ein paar Bosse, die vom Lokalfernsehen für wichtig gehalten werden, an einen mikrofongeschmückten Tisch und waren ganz erstaunt. Sie konnten sich irgendwie nicht erklären, warum tausende Menschen lieber arbeitslos in der Wanne liegen, als sich 10 Stunden täglich als Hartz4-Aufstocker mobben zu lassen, in Dreischicht. Da lassen sich Edeka, Dr. Oetker und nochirgendwer vom Steuerzahler millionenschwere Fabriken in die DDR-Landschaft zimmern und beglücken das Volk mit Arbeit, die ungefähr so fair bezahlt wird, wie in der Ukraine, also ein bißchen vom letzten Jahrhundertgewinn und ein bißchen mehr von der ARGE – und dann will da niemand in die Stechuhr treten! So ein undankbares Volk.

Wirklich.
Ist es tatsächlich so seltsam, daß genau die Betriebe, die ihre soziale Verantwortung ernst nehmen und den Menschen, die täglich für ein gutes Produkt schuften, dann auch am Mehrwert beteiligen, daß also diese Betriebe keinen Fachkräftemangel haben?
Nein.
Und das liegt daran, daß ein Teil der Menschen immer noch nicht komplett verblödet ist, trotzdem ARD und BILD täglich hart daran arbeiten.
Denn heute guckt noch ein Sechstel die Tagesschau, morgen wird’s schon ein Zwölftel sein!


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